Nicht nur, dass das Lieschen nicht mehr Auto fährt. Nein.
Konsequent wie sie ist, hat sie gar kein Auto - mehr. Das war mal anders. Vor vielen Jahren hat sie
es geliebt, bei Wind und Wetter mit ihrem offenen Flitzer durch die Welt zu
brausen. Nur kurz anhalten, Knopf bedienen und schon tat das Verdeck, was sie
wollte. Bei drohenden Regentropfen war es bereit, sie zu schützen und bei jedem
anderen Wetter machte es den Weg frei. Wehende Haare, auch ins Gesicht, das
mochte die Liese in ihrem roten Gefährt.
Bis zu dem Tag, an dem sie eine an sich gewohnte längere Autobahnstrecke
von 300 Kilometern zwischen zwei deutschen Städten gefahren ist. Hin und zurück
ist sie gefahren. Ohne Navi. Das gab es
damals noch nicht.
Eigentlich hat es ihr wie immer Spaß gemacht. Doch nach Abschluss
der kleinen Reise erhielt sie per Post zwei Schnappschüsse. Ihr Gesicht,
wehendes Haar und ein Lächeln. Nicht dass sie beim Schuss extra gelächelt
hätte. Nicht dass sie bemerkt hätte, dass sie geblitzt worden war. Nicht dass sie
vor Wut nicht getobt hätte als sie die Post bekam. Sie hat getobt. Und zwar
über diese furchtbare Baustellenpolitik. An ellenlangen Baustellen war sie
vorbeigefahren. Viele Kilometer lang. Zu Beginn ein Schild, das ihr sagte, sie
dürfe nur noch 60 km/h fahren. Tat sie auch. Eine Zeit lang. Dann. Keine Bauarbeiter.
Keine Erinnerungsschilder. Nachlassende Erinnerung. Und schon fuhr unsere Liese
schneller. So wie alle anderen auch. Sie war sich keines Vergehens bewusst. Bis
ihre Erinnerung durch die erhaltenen Briefe geweckt wurde. Auf der Hin- und auf
der Rückfahrt.
Als sie sich wieder beruhigt hatte, schrieb sie die
horrenden Zahlen auf zwei Überweisungsträger, brachte sie zur Bank (Online-Banking
gab es auch noch nicht) und sagte innerlich „Da! Nehmt es! Aber mehr kriegt ihr
von mir nicht! Niemals mehr!“, verkaufte das Auto und fuhr von diesem Moment an Bahn.
Schon lange liebt sie das. Schon lange besitzt sie eine
Netzkarte für die kleineren Strecken und eine Bahncard, die ihr die längeren
bezahlbar macht. Damit ist die Liese glücklich. Nie mehr Stau, keine
Parkknöllchen, keine Parkgebühren und vor allem keine Post mit verwackelten
Bildern im Wert von kleinen Reihenhäusern.
Im unwahrscheinlichen Fall, dass ein
Zug, mit dem die Liese fahren will schlimme Verspätung hat oder gar ausfällt,
macht sie es sich auf dem Bahnsteig gemütlich. Guckt. Liest. Ist entspannt und
freut sich ihres kostengünstigen Lebens.
Und sie erlebt viel. Am liebsten hat sie das Theater, das falschherum
gereihte ICEs, natürlich in letzter Sekunde, kurz vor Ankunft des Zuges im
Bahnhof gemeldet, verursachen. Mit viel zu schwerem Gepäck auf dem Bahnsteig
rasende und rempelnde Personen mit hochroten Köpfen hätte sie in ihrem Auto
niemals beobachten können. Lustige Durchsagen in köstlichem Englisch gab es in
ihrem roten Flitzer ebenfalls nicht.
Was ihr aber nach all den Jahren das allerliebste am
Bahnfahren ist, ist die Tatsache, dass sie sich, nachdem sie sich einmal für ein
Ziel entschieden und die Karte in der Tasche hat, einfach den Zugführern
anvertrauen kann. Sie hält das für eine große Freiheit. Die Liese fühlt sich im
Zug so frei wie sich fast alle anderen Menschen, die sie kennt in ihren Autos
fühlen. Sie mag das Getacktete der Fahrpläne, das ihr fast jede weitere Entscheidung
abnimmt. Sie hält die Zeiten, in denen sie gefahren wird (und auch die
Wartezeiten) für geschenkte Zeit und genießt sie besonders.
Die Kleinbusse, die auch Gretes Arbeitsweg säumen und selbst
auf dem Weg zu ihren Arbeiten sind, sieht das Lieschen nur durch die Zugfenster.
Ganz gemütlich durchs Fenster. Für die Betrachtung waghalsiger Überholmanöver
reicht meist die Verweilzeit nicht.
Wenn sie also richtigen Straßenterror
sehen will, muss sie wohl mal mit der Grete zur Arbeit fahren oder einfach nur
mit Hermann Formel 1 gucken. Mal sehen. Vielleicht macht sie beides mal. Auch nur so zum Spaß.









