Sonntag, 11. August 2013

Lieschen könnte manipulieren und testet demnächst vielleicht ihre Grenzen aus

Lieschen hatte ein entspannteres Wochenende als die Grete mit ihren schwer hörigen Verwandten. Sie weiß jetzt alles über die Sprache menschlicher Körper. Naja. Jedenfalls wird sie die Arme nicht mehr verschränken, wenn sie möchte, dass ihr Gegenüber sie als offenen Menschen wahrnimmt oder sie ihm den Eindruck vermitteln möchte, sie höre ihm offenen Herzens zu. Oder sie wird sie weiterhin verschränken, aber wahrnehmen, dass sie es tut und dann wissen, dass sie eben nicht wirklich offen zuhört. Und falls sie auf empfundenes Desinteresse angesprochen wird, wird sie wissen, dass  der sich Beklagende Recht hat.

Mit den neu gewonnenen Kenntnissen wäre sie nun auch prima in der Lage, ihre Gesprächspartner zu manipulieren. Wenn sie einfach stets die Haltung des Gegenübers einnehmen würde, so als säße der vor einem Spiegel, würde er sich beim Lieschen vermutlich sehr wohl fühlen, sie vielleicht gar für eine Seelenverwandte halten und sich vielleicht stärker öffnen als er es täte, wenn sie ihre Körperhaltungen einfach dem Zufall bzw. ihrer echten Verfassung überlassen würde.
Aber natürlich wird die Liese das niemals ausnutzen. Oder doch? Manche im Seminar haben gejubelt und sich als Fans dieser Methode geoutet. Niemals mehr Widerstand, niemals Zank wie bei Gretes Verwandten und immer gute Stimmung. Mit solch einfachen Handgriffen. Lieschen hat nicht gejubelt. Jedenfalls nicht darüber. Sie ist unschlüssig, ob sie solche Erkenntnisse für gut halten soll.

Aber gelernt hat sie viel und zu denken hat sie für die nächsten Tage genug. Und nette Menschen hat sie kennengelernt. Auch auf der Heimfahrt im Zug. Denn nicht nur die Grete hatte an diesem Wochenende mit Menschen im Alter weit über die Siebzig zu tun. Auch die Liese. Sie hatte sich einen der „Viererplätze“ in der Bahn organisiert und es dauerte nicht lange bis ihr gegenüber ein Herr mit roten lebendigen Bäckchen im Wanderdress mit großem Rucksack Platz nahm. Sie kamen schnell ins Gespräch und er erzählte ihr von einer wunderschönen Wandertour, in der immer mehr Orte vorkamen, die Lieschens Wissen nach nicht nah beieinander lagen. Also hat sie gefragt, wie weit die Strecke denn war, die er mit seinen Wanderfreunden zurückgelegt hat. Und dieses lebendige Kerlchen sagt: 18 km. Und morgen ginge es wieder los. Dann 22 km. „Man muss seine Grenzen jeden Tag austesten! In meinem Alter erst Recht! Das ist wichtig! Junge Frau!“ Wie alt er denn sei, wollte die Liese natürlich wissen. Er wollte, dass sie schätzt. Das tat sie nicht. Also hat er ihr’s gesagt: 78 Jahre. „Die Kinder sind alt, die Enkelkinder sind groß und die Frau lebt woanders. Auseinandergelebt. Macht aber nichts.“ „Macht aber nichts?“ „Nein. Ich habe ja Zweisamkeit. Die Frau passt besser zu mir. Die lässt mir Freiheit.“ „Ist ja schade, so eine Scheidung im Alter.“ „Aber nein. Aber nein. Keine Scheidung! Nur auseinandergelebt.“ Wie genau die Lebensverhältnisse des sehr fitten älteren Herrn nun wirklich sind, konnte das Lieschen auch durch genauere Fragen nicht ermitteln, denn die Detailfragen verstand der Herr nicht. Oder wollte der Herr nicht verstehen. Er trug wie Gretes Tante ein Hörgerät und zog sich im Bedarfsfall mit einem Fingerzeig aufs Gerät im Ohr  zurück.

Lieschen hatte Spaß an diesem Mann. Ob sie morgen wohl mal ein paar Meter mehr gehen wird als das übliche Zweikilometertagesründchen? Schlecht wär‘s wohl nicht, denkt sie. Obwohl. Sie hat ja noch ein bisschen Zeit bis Ende Siebzig. Vielleicht. Sie wird das gleich mal mit der Grete am Telefon besprechen. 





Freitag, 9. August 2013

Lieschen und die nackten Tatsachen

Auf den Link zum LadyGagaVideoAuszug hat der Hermann auch geklickt. Genau wie die Grete. Wie könnte sie sonst von den kleinen Brüsten wissen? „Guck mal“ hat er zum Lieschen gesagt „guck mal. Wenn DAS meine Tochter wäre! Die würd´ ich verhauen!“ Liese wundert sich, geht um den Tisch und guckt in Hermanns Computerbildschirm. Sie sieht eine schlanke nackte Frau mitten im Wald und auch auf Fliesen. Aha, denkt sie. Verhauen. Hermann hat gar keine Tochter und wenn er eine hätte wäre sie vermutlich ähnlich alt wie sein Sohn. Und der ist älter und würde so was nicht tun. Nicht mal für die Kunst. Glaubt zumindest die Liese, auch wenn sie ihn kaum kennt. Er lebt ja am anderen Ende der Welt und sie ist ja nicht die Mutter.
Die Dame names Gaga macht das nämlich für die Kunst, erklärt ihr nicht der Hermann, aber der Artikel unter dem Video. Jedenfalls sagt sie das. Doch der Schreiber des Artikels bezweifelt diese Motivation. Er vermutet, sie will einer Freundin Publicity verschaffen. Vielleicht hat er nicht dieses antiquierte Wort verwendet, aber um Aufmerksamkeit für irgendein Projekt ging es und sie selbst bringt demnächst eine Platte raus. Sagt man das noch so? Nein. Vermutlich nicht. Also eine CD von der Lady Gaga kommt auf den Markt und das soll die Welt erfahren. Das hat sie ja nun. Hat geklappt.

Ob der Hermann denn nicht wollte, dass seine Tochter, wenn er eine hätte und sie ein Produkt zu bewerben hätte, damit erfolgreich wäre, fragt das Lieschen ihren Angetrauten. „Aber ja doch. Erfolgreich sollte sie sein. Aber doch nicht mit SOLCHEN Mitteln!“ Das könne er nicht gutheißen und würde es schon gar nicht unterstützen. Er hätte doch gesagt, was er täte, wenn.

„Ist ja gut“ sagt die Liese und macht ihn nicht extra darauf aufmerksam, dass er sich das ja freiwillig angesehen hat und seine Aufregung irgendwie nix mit den gezeigten Tatsachen zu tun hat. Die Überschrift machte ja kein Geheimnis aus den nackten Tatsachen des Inhalts des Videos. Oder erwartete er tatsächlich Kunst zu sehen?
Aber so verrückt sind wir Menschen, denkt sie und verlässt den Raum, um ein Ründchen um den Block zu gehen.

Nach wenigen Schritten besetzt sie eine Bank im nahen Park, betrachtet sich die vorüber gehenden Menschen und denkt über Meldungen, Nachrichten, Werbung, Lüge und Wahrheit nach.
Sie selbst überfliegt ja, ähnlich wie die Grete heute, täglich die sogenannten Nachrichten in diversen Zeitungen. Online. Gestern hieß es, der Steuerbetrüger mit den hohen Ämtern im Fußball aus dem Bayernland habe noch mehr Dreck am Stecken als die Liese und der Rest der Öffentlichkeit bisher erfuhren. Aus gesicherter Quelle wüssten sie das. Heute verklagt der Herr „IchzahlemeineSteuerninDeutschland“ mit dem stets hochroten Kopf die Zeitung und erklärt, völlig ohne Faktennennung, das sei alles Quatsch.

Lieschen würde gerne Dinge lesen, die ihr wirklich Informationen vermitteln und vor allem, sie hätte gerne, dass das, was man ihr erzählt, ob schriftlich oder mündlich, der Wahrheit entspricht. Aber das ist wohl zu viel verlangt.
Denn so sind wir Menschen, denkt sie wiederholt. Dauernd wollen wir mit dem, was wir tun irgendetwas erreichen, oft träumen wir uns in Realitäten, die wir selbst glauben, die aber keine sind und vor allem wollen alle irgendwie gut da stehen, erfolgreich sein und irgendwas berichten. Koste es, was es wolle. Manchmal eben auch die Kleidung.

Genug gedacht, denkt sie und geht die paar Schritte nach Hause. Schließlich hat sie noch genug zu tun. Morgen wird sie geschult in Sachen Körpersprache. Das Seminar, das sie besuchen wird, verspricht ihr die Aufdeckung üblicher Lügen. Sie erhofft sich kurze Blicke auf die Wahrheit und bedauert schon jetzt, dass ihr das bei Geschriebenem leider auch nichts nützen wird.


Grete ist ja morgen auch beschäftigt und Lieschen freut sich schon jetzt auf deren Bericht am Sonntagabend. Egal ob wahr oder nicht. Eigentlich mag sie ja das Spiel “Wahrheit oder Lüge“. Es fordert sie so schön heraus. Auch die nackten Tatsachen. So oder so.



Donnerstag, 8. August 2013

Lieschen, Grete und die Dame vom Nachbartisch

Weil das Fräulein Grete gestern zum ersten Mal ein bisschen später zum Kaffee kam, hatte die Liese Zeit, die Umgebung des Cafés, in dem sie sich seit Jahren mit ihrer Freundin trifft, einmal ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Von ihrem Stammplatz, im Grunde mitten auf dem Marktplatz, aus, betrachtete sie sich die umliegenden Läden. Alles bekannte Namen. Ableger der Giganten, die sich durch fast alle deutschen Groß- und Kleinstädte fressen. Lieschen setzte extra die Brille auf, um herauszufinden, ob es nicht wenigstens einen Laden gab, der nicht zu einer dieser Ketten gehörte, die quasi alle das Gleiche verkauften. Aber nein. Sie erspähte nicht ein kleineres, im Angebot abweichendes Lädchen. War das schon immer so? Überall Riesenleuchtreklamen, jede Menge Rundständer vor den Läden und Einheitszeugs. „Wer soll das alles kaufen?“ fragte sie sich. Offensichtlich laut. Denn die Dame vom Nachbartisch sagte „Naja. Geht ja schnell kaputt.“

Lieschen lachte und freute sich über die sehr ungewöhnlich gekleidete Dame am Nachbartisch. Strahlende, lebendige Augen hatte die. Sieht man nicht oft, dachte die Liese und sagte „Sie kaufen das doch auch nicht, oder?“ „Nein! Um Gottes Willen, nein! Ich will doch nicht aussehen wie alle.“ Und noch bevor Lieschen während des Hochziehens ihrer Augenbrauen eine weitere Frage formulieren konnte, fügte sie hinzu „ich lasse mir die Kleidung von einer Freundin anfertigen oder suche in Städten, die in Nebenstraßen noch besondere Lädchen haben. Ich brauche nicht viel. Das  Wenige soll aber sitzen, schön sein und nicht nach der ersten Wäsche im Müll landen müssen. Sie müssen wissen“ ging es weiter, „Sie müssen wissen, mich kotzt diese Verschwendung und Umweltzerstörung an. Ganz zu schweigen von dem Elend, das dieser völlig überflüssige Überfluss über die Arbeiter in den Herstellerländern und die Angestellten in den europäischen Filialen dieser gigantischen, ausbeuterischen Unternehmen bringt“. 
Ein Redefluss, dessen Ende nicht in Sicht war, der Dame aber gut zu Gesicht stand. „Von der Verschandelung der Städte, die man ja kaum noch unterscheiden kann, will ich gar nicht erst anfangen. Das muss sich ändern und bei den Verbrechen mache ich einfach nicht mit!“ Lieschen amüsierte sich. Sie mag es, wenn sich Menschen aus Überzeugung ruhig und bestimmt in Rage reden. Und außerdem hätte sie der Dame ja in allem zugestimmt, wenn sie gefragt worden oder wenigstens zu Wort gekommen wäre.
„Am Schlimmsten ist“ fuhr die fort „das die meisten Menschen in dieser Einheitskleidung geschossen aussehen. Gucken die sich denn niemals im Spiegel? Wissen die denn nicht, dass es keinen Einheitsmodezwang gibt?“ Jetzt geht’s aber los, dachte das Lieschen. Und als sie gerade beginnen wollte, die Käufer des Überangebots, das Mode genannt wird, zu verteidigen, kam die Grete mit ihrem Fahrrad um die Ecke gerast und begann noch während sie das Rad am Sonnenschirm festschloss, von Milchpulver, ner Drogerie, Frau Hebers und den Chinesen zu berichten. Das stoppte die Rede der Dame vom Nachbartisch. Die bestellte sich noch ein Sektchen, nickte kurz der Grete zu und tat dann so, als gäbe es etwas Interessantes schräg hinter der Grete und der Liese zu betrachten.

Vermutlich hatte sie aber sowohl Ohren als auch Augen mitten auf dem Tisch unserer Beiden liegen, wo eigentlich kaum noch Platz war zwischen den vielen Getränken, Kuchen und Salaten, die sie wie jeden Mittwoch nach und nach in den kurzen Rede- und Hörpausen verputzten.

Und doch muss es so gewesen sein, denn als die Grete ihr Geschenk unter Wahrung des ebenfalls selbst hergestellten Geschenkpapiers auf dem Schoß auswickelte und dann voll Freude in Höhe hielt, sprang die Dame vom Nebentisch auf, nahm Grete die Sonne und rief „WOHER HABEN SIE DAS? SO SCHÖN UND UNGEWÖHNLICH!“ Grete deutete überrumpelt und still auf Liese. Die Dame machte unmissverständlich klar, dass sie ein solches Shirt ebenfalls bräuchte, zu der Kette allerdings ein Armband fehlte und Grete, der ja nicht nur ein Armband, sondern auch die Vorgeschichte fehlte, verstand die Welt nicht mehr. 
Mag sein, dass das Fräulein Grete Meier am nächsten Mittwoch alles daran setzen wird wieder pünktlich zu kommen. Hoffentlich.


Dienstag, 6. August 2013

"Eigentlich kein Thema" sagt sich die Liese dann

Lieschen färbt nicht. Jedenfalls nicht die Haare. Die sind ihr wurscht. Weißes Haar hat sie zu einem Zeichen der Weisheit erklärt und trägt es mit Selbstverständlichkeit durch ihr Leben. Mittlerweile. Obwohl ihr die Grete immer mal wieder Fotos vor die Nase hält, auf denen sie rote, lilane, gesträhnte und sonst irgendwie bunte Haare hat, ihren verträumten Blick bekommt und sagt „guck, Liese, das war doch SO schön!“ Sie will dann wissen, warum sie es nicht wenigstens noch einmal mit Farbe probiert und bietet ihr sogar an, die Färberei auf Lieschens Kopf zu übernehmen. Denn das kann sie, die Grete. Das Färben. Besser als ihre Sonja, die nur für das Schneiden zuständig ist.

Das Lieschen zieht sich dann jedes Mal ein bisschen mehr in sich zurück und sucht nach Worten, die `nein´ ausdrücken, aber nicht so einsam da stehen und weniger hart klingen. An anderen ist der Liese die Haarfarbe wurscht. Sie mag die gesamte Farbpalette auf den Köpfen ihrer Mitmenschen. Nur sie selbst möchte nicht mehr abhängig vom Terminkalender sein. Auch nicht wegen eines irgendwie gearteten Ansatzes, der dann in kürzester Zeit angeblich `nicht mehr geht´.

Bis jetzt hat das Fräulein Grete immer wieder locker gelassen und neulich hat sie sogar gesagt „sieht eigentlich ganz schön aus, dieses weißgrau deiner Haare. Ein bisschen so als hättest du es extra gefärbt“. Das hat die Liese gefreut. Denn Komplimente, und als solches hat sie Gretes Aussage gewertet, bekommt sie gerne. Nur verbiegen möchte sie sich dafür nicht. Da ist sie eigen. Und als Grete noch hinzugefügt hat, dass ihr die Kombination von diesem neutralen Haar mit der farbenfrohen Kleidung unseres Lieschens im Grunde mittlerweile gar nicht so schlecht gefällt, haben Lieses Augen geleuchtet und sie war direkt ein bisschen glücklich über diese freundliche Einschätzung. Vor allem, weil sie dafür nichts verändern musste. Sie mag es, sich so zu zeigen wie sie jeweils glaubt zu sein.

Wenn Lieschen dann doch mal vor dem Spiegel steht, ihr Gesicht im Vergrößerungsspiegel nach Fältchen absucht und in Detektivmanier zusätzlich das Ding ganz nah an ihren 55jährigen Hals hält, der in ihren Augen geschwind zu einer wahren Kraterlandschaft wird und sie dann ihre Oberarme untersucht, feststellt, dass „alles“ gruselig schwabbelt und sie niemals wieder in der Öffentlichkeit Pfeffer mit Schmackes aus einem Streuer auf ihr Essen schütteln kann, ohne dass es eine Beleidigung für die Augen der Mitamtischsitzenden wäre, dann, ja dann denkt sie kurz darüber nach, ob sie nicht doch wenigstens der Grete erlauben sollte, ihre Haare zu verjüngen.

Wenn sie dann aber in diesen kurzen Momenten der Unsicherheit, ihr Äußeres betreffend, dass ihr eigentlich nicht besonders beachtenswert erscheint, zufällig auf Hermann trifft, der ihr im Normalfall ansieht, `dass es wieder soweit ist´, dann sagt er, ohne dass sie noch den Mund zum Klagen geöffnet hätte „ach hör auf! Gefallen macht schön! Und mir Gefällste! Das muss reichen!“ Und das reicht der Liese, auch weil sie sich im Grunde ja selbst gefällt. So wie sie mittlerweile nun mal aussieht. Ein bisschen zerknittert, weißhaarig und nicht mehr ganz jung. „Eigentlich kein Thema“ sagt sie sich dann nach überstandener Minikrise. „Eigentlich kein Thema“ sagt dann auch Hermann.


„Eigentlich kein Thema“ wird sie bei dem nächsten Bunthaarfotogucken auch zur Grete sagen und die wird vermutlich verstehend lachen. Hauptsache Lieschen macht keine Witze über schokoladenbraune Farbe, die gut deckt und fragt nicht, wo denn ihre Augenbrauen geblieben sind.




Montag, 5. August 2013

Lieschen sagt nur: Zwangspsychiatrisierung

Kein Wunder, dass die Menschen so verrückt sind, denkt das Lieschen nach Gretes heutigem „VordemMond-Bericht“. Oder sieht es vor dem Mond so aus, weil die Menschen auch vor der Erfindung dieser vielfarbigen Boxen bereits extrem verrückt waren? Ei oder Henne? Was existierte wohl zuerst? 
Oder ist das alles völlig normal und diejenigen, die den Einkauf von Überraschungsboxen mit Nichtbenötigtem für verrückt halten sind selbst die Verrückten? DAS würde ja bedeuten, sowohl die Grete, von der Lieschen bislang annahm, dass sie total normal sei, ist ebenso verrückt wie sie selbst.

Obacht! Gefährlich! Lieschen sagt nur: Zwangspsychiatrisierung! Herr Mollath und viel zu viele andere lassen grüßen. Seit Kurzem weiß die Liese, dass das in Deutschland erlaubt ist. Jeder kann zwangspsychiatrisiert werden. Jeder! Ist von der Regierung beschlossen worden. Spät am Abend, als nur noch wenige Abgeordnete im Raum waren. Aber Mehrheit ist Mehrheit. Völlig egal wie sie zustande gekommen ist. Gesetz ist Gesetz und Recht ist nicht mehr unbedingt Recht. Das auf Freiheit kann einem also einfach entzogen werden. Auch ohne Vergehen. Einfach mittels einer Diagnose. Wenn die Argumente für den Einschluss in der Psychatrie ausgehen, reicht dann für die Nichtentlassung mangelnde Einsicht des Patienten in seine Krankheit. All das hat das Lieschen in den letzten Tagen erfahren und steht seit dem unter Schock, der durch den heutigen Tagesbericht von der Grete noch verstärkt wird.

Ihre Gedanken drehen sich. Im Kreis und wieder zurück. Wenn das stimmt, was die Grete heute über die Normalität berichtet hat, na dann: Prost Mahlzeit. Dann ist die Liese nicht normal. Und nicht normal ist ja verrückt. Und verrückt wird von den Normalen ja gerne mal behandelt. Allerdings wohl nicht, ohne dass der Verrückte einem Normalen im Weg steht. Wenn sich das Lieschen ruhig verhält passiert wohl nix. 
Wenn sie aber vielleicht den Versuch macht, irgendeinen normalen Betrug aufzudecken, also irgendetwas anzeigen möchte, was all die Normalen normalerweise in gegenseitigem Einverständnis intern zur Norm erklären und sich damit haarscharf an Gesetzen vorbei, auch den in der Nacht beschlossenen oder noch nicht aufgehobenen, bereichern wollen, dann ist das Lieschen in Gefahr.

Nicht normal werden sie vielleicht sagen. Einen Gutachter werden sie in den eigenen Reihen sicher rasch finden und dann hat die Liese von einem Moment auf den anderen nicht mal mehr Hofgang und eine vergitterte Aussicht.
„Normal“ werden die wenigen sagen, die von Lieschens Aufenhalt in der Psychiatrie erfahren.  Nichts werden die meisten dazu sagen, die nämlich niemals davon erfahren. Und dicht werden die halten, die von der vereitelten Anzeige profitieren.


Lieschen hat sich nun in extreme Rage gedacht und hält sich die Hände abwechselnd vor den Mund und an den Kopf. Sie wird die Grete warnen müssen. Nicht dass sie der Susi mal im Weg steht.



Sonntag, 4. August 2013

Das Lieschen chillt mitten im Sturm

Dass das Fräulein Grete einen ganzen Tag ihrer Entspannung gewidmet hat, findet das Lieschen prima. Manchmal macht sie sich nämlich Sorgen um ihre Freundin Grete, die in ihren Augen viel zu viel arbeitet und viel zu wenig chillt. Das Wort kennt die Liese von der Nachbarstochter. Die ist Expertin im Chillen, ganz zur Freude ihrer Mutter. Aber das ist ein anderes Thema.

Das Lieschen selbst hat ja schon seit einiger Zeit die Entspannung zum Programm in ihrem Alltag gemacht. So wie sie früher gearbeitet hat, entspannt sie jetzt. Mit ganzer Kraft und auch in Englisch. Mit System und ohne Feierabend.

Das hat ihr die griechische Ärztin in schwer verständlichem gebrochenem Deutsch im deutschen Krankenhaus geraten, als ihr die Liese mit dem Notarztwagen  auf die Station gespült wurde und zu Fall Nr. xy mutierte. Erst hat sie die Liese tagelang durchs ganze Krankenhaus geschickt. Jede Menge lustiger Untersuchungen hat sie ihr aufs Auge gedrückt. Ultraschall, Geräte um den Hals, Röhren, klebrige Pastillen auf dem Kopf und noch manches andere.  Dann hat sie sich mit ihren Kollegen beraten, ins übliche Medikamentenkistchen gegriffen und als sie die Liese zum zweiten Mal sah, gesagt, sie soll wieder nach Hause gehen und sich entspannen. Jedenfalls klang es ungefähr so.

Den Entlassungspapieren konnte sie trotz der ein oder anderen Ungereimtheit in sprachlichen Dingen, entnehmen, dass sie im Grunde gesund ist und der Grund für ihre Einlieferungsbeschwerden im Dunkeln liegt und da wohl auch bleibt.

Fein, dachte sich die Liese, dann ist meine Arbeit also jetzt die Erholung. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten kann sie das heutzutage ganz prima. Wenn sie gefragt wird, was sie denn so tut, den lieben langen Tag, dann sagt sie: Nix. Das stimmt nicht wirklich, aber sie findet das mittlerweile lustig, wenn die Fragenden betreten zur Seite gucken, verständnislos über sie reden, wenn sie sich weg gedreht hat und ihr erklären wie wesentlich doch ihre eigenen Aufgaben und Arbeiten sind. Auch ohne irgend eine Frage danach.

Manchmal setzt sich die Liese auf die Bank mitten auf den Marktplatz der Kleinstadt, in der sie lebt und betrachtet sich die Menschen wie sie hektisch von A nach B laufen, schwere Tüten schleppen, kurz stehen bleiben, lamentieren, weiter rasen und im Grunde so ziellos wirken. Sie hält sich dann selbst für eine Art Fels in der Brandung. Für jemanden, der die Stellung hält, während um sie herum der Sturm tobt, der vielleicht eines Tages alles nieder reißt. Wer weiß.

Demnächst würde sie das auch gerne mal mit der Grete machen. Einfach still auf der Bank mitten auf dem Marktplatz sitzen und gucken. Vielleicht macht sie mit. Vielleicht auch außerhalb eines Mittwochs oder Sonntags. Sie hat ja heute schon geübt. Das Lieschen freut das.  





Samstag, 3. August 2013

Lieschen hat fast keine Rituale

Lieschen hat ja, ganz anders als ihre Freundin Fräulein Grete, gar keine Rituale. Naja, fast keine, so gut wie keine, naja, ein einziges Ritual, das hat sie.

Das Rauchen. Das ist natürlich auch bei unserer Liese komplett durchritualisiert. Wenn sie rauchen möchte, und sie betont das „möchte“ obwohl sie selbstverständlich weiß, dass das schon sehr lange keine freiwillige Sache mehr ist. Wenn sie also rauchen möchte, dann geht sie als erstes auf die Terrasse. Setzt sich auf ihre Bank, greift nach dem Tabakpäckchen, entnimmt ihm das Briefchen mit den Blättchen, pustet eins heraus, fischt nach dem Tabak und dreht sich in aller Ruhe eine Zigarette. Wenn sie dann raucht, dann raucht sie. Sie tut nichts anderes. Naja. Fast nichts anderes. Sie betrachtet den Rasen, die Pflanzen, die Bienchen und Blüten, aber vor allem raucht sie. Sie will dann keine Störung. Nicht mal von ihren eigenen Gedanken.

Das weiß auch der Hermann. Wenn die Liese auf ihrer Bank auf der Terrasse sitzt und raucht, dann macht er einen großen Bogen um sie. Er will sie ja nicht stören. Nicht weil er sie nicht stören will, sondern weil er nicht will, dass sie zischt und mit der Hand wedelt als sei er eine Fliege, die vor Lieschens Gesicht fliegt und damit aufhören soll. Hermann will keine Fliege sein. Verständlich.

So raucht unser Lieschen immer. Außer mittwochs. Beim Kaffee mit der Grete. Dann merkt sie nichts vom Drehen und auch nichts vom Rauchen. Dann quatschen die beiden völlig unritualisiert, jeden Mittwoch aufs Neue, über Gott und die Welt und die Finger drehen, feuern und führen die Zigarette ganz von selbst an den Mund. Wenn sie dann abends nach Hause kommt, ist ihr erster Gang auf ihre Terrassenbank, auf der das Ritual schon auf sie wartet.

Das ist aber wirklich das einzige Ritual in Lieschens Leben. Auf die Idee, das Putzen zu ritualisieren ist sie noch nie gekommen. Sie putzt, wenn sie es an der Zeit findet und Lust auf „Gründlich“ hat. Das ist heutzutage oft später als früher. Oder sie putzt, wenn sich Besuch angesagt hat. Dann oberflächlich. Dem Lieschen ist das nicht mehr so wichtig. Der Hermann und sie haben schon während der Renovierung des Hauses, wenn ihnen irgendetwas nicht perfekt gelungen ist, gesagt „die meisten Menschen, die uns besuchen kommen, haben ja eh `unser´ Alter, also sehen die ebenfalls nicht mehr so gut. Nehmen wir ihnen an der Tür die Brillen ab und schon machen kleine `Unreinheiten´ rein gar nichts mehr.“

Hermann findet sowieso schon immer, dass es reicht, wenn das Lieschen und er sich wohl fühlen in den eigenen vier Wänden und die Liese hat mit den Jahren sehr gut gelernt, nicht nur manchmal alle Fünfe grade sein zu lassen. Atmosphäre ist das Wichtigste, sagt sie oft und vom Boden essen ja in unseren Breitengraden sowieso die Wenigsten. Sollte einmal jemand kommen, der das möchte und der Boden lässt an Reinheit zu wünschen übrig, dann wird sie extra für diesen Gast, in seinem Beisein, das erforderliche Stückchen Boden reinigen. Da kennt die Liese nix.


Dass die Grete sie nachher anrufen wird, weil ja Samstag ist und sie das beinahe jeden Samstagabend tut, möchte das Lieschen nicht als Ritual werten. Es ist ja nicht sie, die anruft. Sie nimmt ja nur das Telefon von der Station. Und DAS tut sie natürlich nicht aus Gründen der eingebrannten Ritualisierung, sondern weil es klingelt. Ja!




Freitag, 2. August 2013

Lieschen weiß es nicht

Heute hat das Lieschen Schwierigkeiten ein Thema aus Gretes Tagesbericht zu picken. Da steckt so viel zwischen den Zeilen, murmelt sie und sieht vor ihrem Ventilator sitzend ganz unglücklich aus.

Sollte sie sagen: die arme Frau Korters!? 
Lieschen sieht aus, als hätte sie ein echtes Problem zu lösen. Ist sie reingelegt worden? Ist sie Opfer? Wenn ja von was oder wem? Vielleicht von einem anderen Opfer? Einem, das ebenso wenig NEIN sagen kann oder will wie sie, die arme Frau Frau Korters?
Oder sollte sie sagen: die glückliche Frau Korters!? Schließlich hat sie ja die Grete, die sich jede Menge Zeit für sie nimmt, speziell wenn es ein solches Problem zu lösen gibt.
Oder sollte sie sagen: die dumme Frau Korters!? So schwer kann ein bisschen Nachdenken doch nicht sein. Die einfache Frage lautet nach Lieschens Ansicht wohl: Möchte ich haben, was mir der freundliche Mensch am anderen Ende der Leitung verkaufen will, oder nicht? Wenn ja, dann JA. Wenn nein, dann NEIN.

Ist das Thema die Unverschämtheit der Verkaufsmethoden großer Firmen? Die Auslagerung der Hotlines auf andere Kontinente? Die Unverfrorenheit mit der Anrufer in Warteschleifen gehalten werden und am Ende vielleicht noch unfreundlich abgewimmelt werden, weil das entsprechende Problem nicht im Handlungsordner zu finden ist? Der Tod des Satzes: Der Kunde ist König? Die Schwierigkeit, nein zu etwas zu sagen, das doch so freundlich angeboten wird? Der Neid, der sagt, was der Nachbar hat das will ich auch? Ist doch egal, ob ich das zu benutzen weiß oder nicht? „Hoch und heilige“ Versprechen, die Sekunden später bereits vergessen sind? Die Unmöglichkeit, Menschen wirklich zu helfen, die selbst nicht wissen, was sie brauchen?

Oder ist das Thema: beurteile nicht? 
Lieschen entscheidet sich dafür, liest den Bericht von Grete noch einmal und konzentriert sich diesmal auf die Eckbankszene in der Küche. Völlig ohne das zugrunde liegende Problem. Sie sieht die Grete erst an ihrem PC, dann am Telefon und die Frau Korters wie sie der Grete zuguckt. Das alles bei 30 Grad im Schatten und einem ordentlichen Vorrat an Eistee.  Sie sieht das Fräulein Grete wild gestikulieren. Sieht sehr lebendig aus. Und die Frau Korters schaut die Grete bewundernd an. Auch lebendig. Das Lieschen mag dieses Bild. Eine schöne Atmosphäre. In wie vielen Küchen sitzen die Menschen am Abend wohl alleine vor ihren Fernsehern, Radios oder Computern? In Gretes Küche ist das anders. Zwei lebendige Frauen mit telefonischem Kontakt in die große weite Welt.

Lieschen ist jetzt so angerührt von der nackten Szene, dass sie fast versucht ist, Grete nach der Hotlinenummer zu fragen, dort anzurufen, nach dem Verkaufsmitarbeiter zu fragen und ihm von einem Job zu erzählen, in dem er nicht blind verkaufen muss, was dem potenziellen Käufer nichts nützt und vielleicht sogar schadet. Aber diese Idee verwirft sie wieder.

Stattdessen schaltet sie den Ventilator aus und geht hinaus in den Garten. Ein paar Kniebeugen und ein bisschen Gymnastik wird sie wohl machen müssen. Die Grete scheint das mit dem Sport ja ernst zu meinen.





Donnerstag, 1. August 2013

Lieschens Freundschaftsbeweis, die Saxonette und das Stottern

Eigentlich liebt das Lieschen den Mittwoch. Jede Woche wieder. Mittags steigt sie in die Straßenbahn. Dort liest sie oder betrachtet die Mitfahrenden. Vielleicht lässt sie sich in das ein oder andere Gespräch verwickeln oder schaut aus dem Fenster. Und dann trinkt sie Kaffee. Im Café. Am reservierten Tisch mit dem Fräulein Grete. Kurz und gut. Mittwoch ist ein wunderbarer entspannter Tag. Jedenfalls war das immer so. Bis gestern. Aber nicht einschließlich.

Die Grete hat sich nämlich vorgenommen, wieder sportlich zu werden. Wahrscheinlich eine ähnliche Aktion wie „jetzt nehme ich ab“, dachte das Lieschen als die Grete ihr davon erzählte. Sie sagt es und tut nichts in dieser Richtung. Aber nein! Sie plante, mit dem Fahrrad zum wöchentlichen Mittwochstreff zu kommen. „Na gut“, sagte das Lieschen „jeder wie er will. Viel Spaß!“. 
„Neinneinnein!“ schrillte Gretes Stimme aus dem Telefon. „Wenn du meine Freundin bist, dann kommst du auch mit dem Rad!“ Der Ton hielt sich lange im Ohr und machte ihr klar, dass Widerspruch zwecklos wäre. Aber Lieschen hatte keine Lust zu einer Kamikazefahrt durch die Stadt, die ihre untrainierten Beine in Knoten verwandeln würde. Also griff sie zu einer List und säuselte „Na klar“, „gute Idee“ und „selbstverständlich“ ins Telefon. Grete war zufrieden und Lieschen raste zu Hermann und brüllte „ich brauch deine Saxonette. Morgen!“.

„Geht nicht. Ist auseinander gebaut. Vergaser“. Für diese Meldung schaute Hermann nicht einmal vom Computer auf. „Ach du meine Güte!“ Lieschen erschrak.
Dabei war ihr Plan so gut! Sie hatte sich schon ein sehr witziges Bild vom folgenden Tag gemacht. Sie sah Grete fix und fertig in praller Sonne durch die Stadt strampeln und im Anschluss mit zerzaustem Haar und verlaufenem Makeup nur noch auf dem Caféstuhl hängend. Während sie, das Lieschen, gemütlich mit 20 Stundenkilometern auf Hermanns Motorfahrrad Richtung Cafe zuckelt, absteigt, in voller unzerstörter Schönheit Platz nimmt und während Grete wie eine Verdurstende ein kaltes Getränk nach dem anderen kippt, selbst genüsslich an ihrem Espresso nippt.

Soweit das Bild. So schön der Plan. Und jetzt das. Auseinander gebaut. Das kann Jahre dauern. Weiß die Liese aus Erfahrung. Wenn so ein Vergaser mal auseinandergebaut ist, kann eine Menge passieren. Unvorhergesehenes. Im Normalfall fehlen Teile, die erst besorgt werden müssen. Und die Welt könnte auch noch vor dem Zusammenbau untergehen! Lieschen geriet in Panik! In echte Panik! Sie hatte gar kein Fahrrad. Also keines, das fuhr. Nur das bunt Umhäkelte, das die Wand im Garten zierte. Und eine Freundin, die als Freundschaftsbeweis ein Lieschen auf dem Fahrrad wollte.



„Herrmann!!! Ich brauche das!!!“ Lieschen kann laut werden und Hermann weiß das. Also tat er, was zu tun war. Am Abend schnurrte die gute Saxonette wie eh und je. Hermann hatte alles stehen- und liegengelassen, den Vergaser gereinigt, zusammen- und eingebaut. Lieschen war glücklich.
Bis zum nächsten Mittag.

Die Sonne schien gnadenlos. Zehn von zwanzig Kilometern hatte sie bereits in größter Freude sehr gemütlich zurückgelegt als der Motor stotterte. „Nein!!!“ Sie gab mehr Gas und rettete sich einen weiteren Kilometer Richtung Cafe. Und noch einen. Und noch einen. Dann hörte selbst das Stottern auf.

Um es kurz zu machen. Die restlichen 7 Kilometer zerzausten ihre Haare, verknoteten ihre untrainierten Beine und verwischten ihr bisschen Makeup. Angekommen stürzte sie ein Wasser nach dem anderen herunter und wunderte sich über Grete, die wohl schon einige Zeit auf sie wartete, einen sehr entspannten Eindruck machte und sich nun köstlich übers Lieschen amüsierte.

Hermann hat die Liese dann später im Café abgeholt. Natürlich erst nachdem Grete schon den Heimweg angetreten hatte. Noch am gleichen Abend trennten sich der Vergaser, der Motor und das Fahrrad. Wer weiß für wie lange. Der Liese ist es gleichgültig. Sie fährt in Zukunft wieder Bahn oder geht zu Fuß. Das ist gesünder.

Aber einmal erlebt, erzählt sie natürlich auch der Fahrradfrau von diesem gruseligen Erlebnis. Die wird sich amüsieren. 








Dienstag, 30. Juli 2013

Das Lieschen, die Immunität und die Gier

Das Lieschen ist Gottseidank völlig immun gegenüber Goodies. Nicht nur gegenüber denen von der guten Frau Shopping, die das Fräulein Grete so in Stress versetzt hat. Sie lehnt auch gerne mal Zusatzgeschenkchen in Geschäften ab, die den Sinn haben, sie in Entzücken zu versetzen und sie beim nächsten Einkauf wie an einer unsichtbaren Freundlichkeitstreueschnur wiederholt in diesen Laden zu ziehen.

So etwas mag die Liese nicht. Lieschen liebt ihre Freiheit. Sie möchte sich nicht verpflichtet fühlen und sie wüsste auch meistens nicht, was sie mit dem Zusatzzeugs anfangen sollte. Hätte sie es begehrt, gebraucht oder gewollt, dann hätte sie es womöglich gesucht und gekauft.

Was ihr auch ein Dorn im Auge ist, sind diese Shoppingkarten. „Paybackkarte?!“ „Nö.“ „Darf ich ihnen eine ausstellen?“ „Nö, danke.“ „Sind sie sicher? Die Vorteile sind enorm!“
Neulich hat sie den geplanten Einkauf einfach an der Kasse liegen gelassen und ist gegangen, weil die Dame dahinter gar nicht aufhören wollte für die Karte zu argumentieren und unserer Liese immer wieder, durch die Blume,  meterhohe Dummheit unterstellte, weil sie sich die Rabatte bei zukünftigen Einkäufen dermaßen fahrlässig durch die Lappen gehen lassen wollte.

„Sie könnten so viel sparen“ war das Letzte, was noch auf der Rolltreppe ihre Ohren traf. Lieschen ist da komisch. Sie hat eine ganz andere Art, zu sparen. Sie vergleicht Preise und kauft mittlerweile einfach nur, was sie braucht. Klingt komisch. Ist aber so. DAS spart ne Menge.

Aber Lieschen will hier nicht verschweigen, dass es ein Eckchen in ihrem Leben gibt, in dem auch sie der Gier ein zu Hause gibt. Ihre kreativen Hobbies. DA glaubt sie dauernd irgendetwas zu brauchen. Vorsichtshalber. Wolle, Stoffe, Perlen, Farben, Knöpfe. Da hortet sie alles und da ist sie gegen kaum ein Schnäppchen immun und außerdem unfähig, nur vernünftige, kleine Mengen zu kaufen. Sie ersteigert lieber 100 Knäuel unterschiedlicher Wolle bei Ebay als 10 Knäuel im Wollladen für den gleichen Preis zu kaufen. Die sortiert sie dann in ihre Kisten und Kistchen und liebt es, in der farbigen Fülle zu schwelgen.
Sie könnte nichts Einfarbiges oder Langweiliges herstellen. Deshalb braucht sie Auswahl. Sie kombiniert so gerne. Farben, Materialien. Sie näht mit Wolle und strickt mit Stoff. Sie klebt die Perlen und fädelt Wollpüschel. Sie macht ihre eigenen Regeln. Nur für sich. Das liebt sie, die Liese. Das ist ihr Paradies.

Und manchmal verkauft sie auf dem Flohmarkt, was sie hergestellt hat und dann nutzt sie ihr gesamtes Wissen um die menschlichen Verrücktheiten in Bezug auf Schnäppchenjagd. Dann malt sie große Schilder, denen zu entnehmen ist, dass der Kauf von drei Teilen dem Preis von zwei Teilen entspricht. Und falls das noch nicht reicht greift sie ins Kästchen mit den Goodies. Das hat bis jetzt noch immer geklappt.

Hoffentlich erkennt das Lieschen die Grete morgen beim Kaffee. Nicht dass sie alle Kosmetikgoodies von der Frau Shopping auf einmal benutzt hat und das gesamte Gesicht so farbig ist wie Lieses vollgestopftes Hobbyzimmer.