Dienstag, 12. November 2013

Lieschen denkt über Eventualitäten und Alternativen nach

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 91 ---> guckst du hier

Da hat das Fräulein Grete Meier heute also zunächst einen gebrauchten Tag erwischt. Das gibt es, denkt das Lieschen. Erst Recht im November. Kalt, gebraucht und irgendwie unbrauchbar. Wohl dem, der sich, sobald er das merkt wieder ins Bett legen und nach einiger Zeit neu starten kann. Oder wohl dem, der sich am Morgen die Zeit nehmen kann, den fehlenden Kaffee zu besorgen oder einfach nur wohl dem, der die Zeit hat, erst einmal durchzuatmen. Hatte die Grete aber nicht. Sie musste los. Offensichtlich schnell los, damit sie pünktlich zur Arbeit kam. Und was ist dann passiert? Das Lieschen lacht. Dann ist sie bei aller Hektik doch nicht pünktlich gekommen. Stattdessen ist sie in einen Stau geraten, die Grete. Zwei Stunden hat sie festgesessen, schreibt sie. 

Festgesessen? Klar, denkt die Liese, wenn das Ziel das Wichtigste ist – und das ist es ja in der heutigen Zeit – dann werden aus Verschnaufpausen Hindernisse. Wenn die Aufmerksamkeit auf der Ferne liegt, hat das Nahe keinen Wert. Und doch könnte man vielleicht sagen, bei allen Anfangsschwierigkeiten, die der Tag für die Grete bereithielt, hat er ihr eine lange Ruhephase, die sie nicht zu verantworten hatte, dazu geschenkt. Oder nicht? 
Im Ergebnis kam sie zwei Stunden zu spät ins Büro. Zwei Stunden später als verlangt. Zwei Stunden später als verabredet. Sie hat wohl Chaos angetroffen, aber die Welt ist davon nicht unter gegangen. Offensichtlich. 

Was wäre wohl gewesen, wenn die Grete sich am Morgen, als sie merkte der Tag beginnt nicht gut für sie, die Zeit genommen hätte, aus diesem hektischen Anfang einen geruhsamen zu machen. Was wäre wohl gewesen, wenn sie sich ganz aktiv die zwei Stunden „Verspätung“, von denen sie zugegebener Weise noch nichts wusste,  genommen hätte. Für ein warmes, gemütliches Bad, ein Tässchen Kaffee bei Herrn Heinevetter, ruhiges Anziehen und so weiter. Das Ergebnis Verspätung wäre ja das gleiche gewesen, Gretes Stimmung aber vielleicht nicht.

Hektik gepaart mit dem Blick in zukünftigen Ergebnissen kostet ne Menge, meint die Liese. Nicht nur Feinstrumpfhosen oder Brandsalbe samt Pflaster. Vielleicht auch Gesundheit. Könnte sein, meint sie.

Wie sich ihre Kollegen im Büro wohl geholfen hätten, wenn sie gar nicht gekommen wäre an einem solchen Tag? Wären sie auch alleine auf die Idee gekommen das Gerät aus der anderen Abteilung zu holen, anzuschließen und zu benutzen? Hätte es jemanden gegeben, der dafür gesorgt hätte, dass die Rechnungen, die ja „raus mussten“ „raus kamen“? Was wäre passiert, wenn die Rechnungen erst am nächsten Tag das Licht der Welt erblickt hätten? Und wie würde die Grete sich fühlen, wenn klar würde, dass es in der Firma auch ohne sie ginge? Falls es ohne sie ginge.

Mal im Ernst, denkt das Lieschen, wie hätte die Grete den Tag wohl verbracht, wenn sie keinen Plan gehabt hätte, den es abzuarbeiten galt? Das Lieschen hat neulich wieder einmal eine Dokumentation im Fernsehen gesehen, in der zwei 65jährige Herren in ihren Ruhestand begleitet wurden. Ein ganzes Jahr lang. So sehr die beiden sich auf die freie Zeit freuten und so zuversichtlich sie waren, dass alles super werden würde, so schwer taten sie sich dann mit der vielen freien Zeit und der Abwesenheit einer Bedeutung durch ihren Beruf. Beide vermissten die zeitlichen Vorgaben des Berufs und die Anforderungen von außen, die kein Ansehen im Gepäck hatten. Beide hatten nicht gelernt, einen Wert in sich zu sehen, sich selbst zu motivieren und ihren Tagen selbst Leben einzuhauchen. Schon gar kein gemütliches Leben.


Vielleicht würde das der Grete auch so gehen? Grete hat ja noch lange Zeit bis zur Rente, aber ein bisschen üben könnte sie ja jetzt schon, denkt das Lieschen. Einfach jetzt schon mal ein bisschen selbst bestimmen. Das wäre doch vielleicht ne prima Idee. Liese wird sie morgen mal fragen, was sie wohl meint, wie es ihr dann gehen wird und was sie von der Idee hält. Beim gemütlichen Kaffee im Café. Falls die Grete kommt und nicht von selber entscheidet, ihrer Gesundheit zuliebe mal eine Ausnahme zu machen. 

Uihuihuih, denkt das Lieschen, das könnte ja auch passieren! Aber nach dem kurzen Schreck lacht die Liese wieder. Falls die Grete nicht kommt und das das ist, was sie wirklich will, dann ist das also das Beste, was uns passieren kann. Basta. Die Grete ist ja ein freier Mensch. Und das Leben organisiert die Dinge schon richtig. Immer, meint das Lieschen. Für alle Beteiligten. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.



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Montag, 11. November 2013

Lieschen war wütend

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 90  ---> guckst du hier

Fast hätte das Lieschen laut ausgerufen: „ach wie süß“ als sie sich den in die Jahre gekommenen hilflosen Herrn Heinevetter in fescher Jeans und Outdoorjacke an der Brüstung hängend vorstellte. Doch gerade noch rechtzeitig hat sie sich die Schwierigkeiten, die er mit seiner Aktion der Grete gemacht hat, in Farbe vorgestellt. So sind ihr während des Weiterlesens die Worte im Munde stecken geblieben und sie erhielt prompt die Bestätigung, dass ihr Schweigen tatsächlich besser war, auch wenn „das süß“ niemand außer ihr gehört hätte. 

Die Grete hat ihn natürlich mal wieder retten müssen, den Herrn Nachbarn, der offensichtlich gerne noch jung und fit wäre. So fit wie der Schimanski seiner jungen Jahre in dessen jungen Jahren. Ob der Herr George, wenn er sich in Herrn Heinevetters Situation befunden hätte, in der Lage gewesen wäre, sich selbst wieder auf den Balkon zu ziehen, weiß das Lieschen natürlich nicht. Sie guckt schon lange keinen „Tatort“ mehr. In ihr lebt (auch) noch das Bild des „alten“ jungen Schimanskis, der sich sonntäglich durchs Ruhrgebiet trank und durch keine noch so aussichtslose oder vermasselte Situation zu beeindrucken war. Doch die Zeiten sind vorbei. Auch für Schimanski, auch für den Schauspieler. Und vorbei ist doch vorbei. Oder etwa nicht? 

Oder etwa nicht! Lieschen kann sich heute die Antwort selbst geben. Seit Samstag weiß sie wieder, dass kleinste Erinnerungen genügen, um die „guten alten Zeiten“ zum Leben zu erwecken. In Lieschens Fall hat das nix mit den „Tatorten“ ihrer Jugend zu tun. In ihrem Fall ist die Schulzeit wieder in ihr Leben getreten. Für kurze Zeit mit voller Wucht. Klassentreffen samt Schulbesichtigung am Samstag. Mitten in der Schulaula wohnten offensichtlich mindestens Gefühle der Abhängigkeit, Verzweiflung und Rebellion. Lieschen hat sie zu spät bemerkt, ist mitten durch sie hindurch gegangen und die alten längst vergessenen Gefühle hatten nichts Besseres zu tun als sich an sie zu heften  und sie auch den ganzen Sonntag hindurch zu begleiten. 

Lieschen hat mitten im chaotischen Lehrerzimmer gestanden, die vierzig Jahre alten Sprüche des schon seit zwanzig Jahren pensionierten ehemaligen Klassenlehrers nicht abwehren können und hat in den Gesichtern der mit ihr Besichtigenden tatsächlich die vertrauten Gesichter von damals entdeckt. Damals stand ihnen allen die Welt offen. Weit weit weit. Dachten sie und hofften sie. Heute, 35 Jahre später, liest die Liese jede Mengen Geschichten in den vertrauten Augen und weiterhin noch nicht alt wirkenden Frauen. Zu viele Geschichten? Enge Geschichten? Tragik? Freude? Wie viel Welt und wie viel weites Leben liegt noch vor ihnen, den Müttern, Ärztinnen, Arztgattinnen, leitenden Angestellten und so viel Gewordenen? Was ist geblieben? Was wird noch kommen? Lieschen weiß es nicht. 

Im Lokal, nach der Schulbesichtigung, hat sie ein wenig entspannt und in höllischer Geräuschkulisse versucht, zu erfahren was sie interessiert. Das war nicht leicht. Eckdaten. Nur Eckdaten. Mein Auto, mein Haus, die Yacht. Wie viele Kinder, wie alt, der wievielte Mann, Wohnort und Arbeitsstelle. Mehr war in der Kürze der Zeit kaum zu erfahren. Auch nicht für das Lieschen, die das Fragen in ihrem Leben ja perfektioniert hat. Manches „gut, gut“ mit schriller Stimme aus Mündern unter traurigen Augen hat sie kurz verweilen lassen und manches „ach ja … ganz gut“ aus Mündern unter Augen mit eingebrannten Lachfältchen auch. Lieschen hätte gerne manch erlebte Geschichte gehört. Sie hätte gerne gewusst wie die Damen, mit denen sie den Abend verbrachte und vor so langer Zeit neun Jahre ihres Lebens teilte, ihre Krisen überwunden haben, was hat ihnen geholfen, wie haben sie es gemacht und hatten SIE irgendwelches Rüstzeug für die schwierigen Lebenssituationen aus der Schulzeit mitnehmen können? 

Es war ein anstrengender und auch ein schöner Abend. Lieschen ist erstaunt wie vertraut ihr die vergessenen Gesichter nach kurzer Zeit wieder waren. Noch heute ist sie erstaunt, dass die 10-19-jährigen gut sichtbar in den Mitfünfzigern wohnen. Ob es klug ist sie zum Leben zu erwecken oder müssen die erst geheilt werden? Wäre das gut? Oder wäre es besser, den Erinnerungsabend einfach wieder zu vergessen und weiterzumachen mit dem Leben, wie es halt gerade ist?

Lieschen hat eben die Abiarbeiten verbrannt, die sie ungefragt am Samstag ausgehändigt bekam. Sie hat sie gelesen. Sowohl den Müll, den sie selbst damals in rotziger Schrift aufs Papier gebracht hat als auch all die roten Wörter und Ausrufezeichen in der Nachbarspalte. Das Wissen, dass auch die Lehrer damals sehr jung waren und eigentlich noch keine Chance hatten zu erfahrenen Menschen heranzureifen, hat sie nicht vor erneut aufkeimender Wut auf Dummheit, Ignoranz und das System an sich bewahrt. „Liebe Lehrer“ will die Liese sagen „das rote überhebliche Anmerken der Fehler wird keinen schlechten Schüler zu einem Guten machen. Glaubt mir! Schreibt dahin, was in euren Augen richtig gewesen wäre, falls ihr wollt, dass der Schüler was lernt …“. 

Da diese Wut dem Lieschen schon damals nicht gut getan hat und auch heute bereits wieder begann, Schaden in der Liese anzurichten, hat sie die Arbeiten eben kurzerhand verbrannt. So ist sichergestellt, dass sie sie niemals wieder ansehen muss und auch die Wut verebben kann. Schließlich hat sie mit der Liese von heute nix mehr zu tun.


Was wird der Herr Heinevetter wohl tun, wenn uralte „Schimanskis“ im Fernsehen wiederholt werden? Da er offensichtlich ja ähnlich leicht zu beeindrucken ist wie das Lieschen, würde die ihm empfehlen, in einem solchen Fall den Fernseher einfach ausgeschaltet zu lassen. So wie sie zum nächsten Klassentreffen einfach nicht mehr hingehen wird.



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Lieschen fühlt denkend mit

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 89  ---> guckst du hier

Wie mag die Mutter mit dem Mädchen sprechen, wenn sie sie auf der Polizeiwache abholt? Das Lieschen ist ganz konzentriert auf diese und ähnliche Fragen rund um dieses junge Ding, dem die Welt doch noch offen stehen sollte. Fast noch ein Kind. Sicher noch nicht erwachsen. Über Gretes Erlebnisse vom Samstag ist das Lieschen auch bestürzt - der Bericht eines friedlichen geselligen Samstags hätte ja anders geklungen als das, was Lieschen eben lesen musste - aber so richtig nachdenklich machen sie ihre Vermutungen über dieses Mädchen.

Wie die sich wohl auf der Wache gefühlt hat? Ob sie dieses Umfeld längst gewöhnt ist? Grete hat ja berichtet, dass sie bereits polizeibekannt war. Lieschen wüsste zu gerne, was in diesem jungen Menschen vorgegangen ist.  Auf frischer Tat ertappt zu werden ist ja wahrscheinlich kein Pappenstiel. Oder vielleicht doch? Stumpft die Wiederholung ab? Was mag sie gefühlt haben, diese junge Fastfrau? Gelogen hat sie, schreibt die Grete. Natürlich, denkt das Lieschen. Wer in der Lage wäre, offen zuzugeben, was er tat, wäre vermutlich nicht gleichzeitig in der Lage, andere Menschen zu bestehlen. Oder doch? Kennt sie eigenen Besitz überhaupt? Weiß sie, dass „mein“ und „dein“ zwei Paar Schuhe sind? Oder hat sie früh gelernt, dass „ihre“ Dinge Familien- bzw. Gemeineigentum sind und Grenzen nicht existieren? Hat man IHR gelassen, was IHR gehörte? 

Was mag sie in der Familie gehört haben über die „Welt da draußen“? Geht es gerecht zu in der Welt? Was glaubten die Eltern des Mädchens? Mal angenommen, sie hätte tagein, tagaus gehört, dass ALLE ANDEREN unrechtmäßig zu viel besäßen, mal angenommen, dass sie gelernt hätte, dass sie und ihre Familie WEGEN der Anderen, wegen der ungerechten Verteilung zu wenig besäßen, wäre es da nicht verständlich, dass sie Gelegenheiten beim Schopfe packt, dieses „Unrecht“ zu korrigieren?

Oder müsste sie Mitgefühl haben? Mitgefühl mit der alten Frau, die Gretes Tante ist und vielleicht auch nur eine kleine Rente hat? Müsste sich das Mädchen in die Frau, die so ungeschickt in ihrer Handtasche kramt, dass ein Diebstahl ein Leichtes ist, hineinversetzen? Hineinversetzen können? Muss jemand die Gefühle anderer respektieren? Ja? Auch dann, wenn seine eigenen vielleicht niemals respektiert wurden? Ja? Wie, um Himmelswillen, soll ein Kind, dessen Gefühle vom Tisch gewischt werden, im schlimmsten Fall mit Füßen getreten werden und sich so fast von selbst abstellen, denn respektvollen Umgang mit Gefühlen lernen? Das ist doch unmöglich, denkt das Lieschen und meint damit im Moment nicht die Handlung des Mädchens, sondern die Möglichkeit dieses speziellen Lernens.

Was mag sie selbst noch fühlen? Überhaupt und vor oder während eines Diebstahls? Vielleicht nichts. Ist es dann nicht verständlich, dass es ihr vielleicht auch unmöglich ist, Gefühle, gleich welcher Art, in dieser alten Frau mit der Handtasche auch nur zu vermuten oder gar MITzufühlen?

Lieschen will hier keine Straftat verteidigen. Beileibe nicht. Das läge ihr fern. Sie findet die meisten Gesetze für ein soziales Zusammenleben wichtig und natürlich auch notwendig, dass sie gegenüber Gesetzesbrechern verteidigt werden. Und doch, hat sie Mitgefühl mit diesem Mädchen, das entgegen aller vorangegangenen Überlegungen vielleicht auch nur auf der Suche nach Aufmerksamkeit ist. Es ist möglich, denkt die Liese, dass dieses Kind – jetzt nennt sie sie doch Kind – einfach nur beachtet werden will. Ist es nicht so, dass wenn das Defizit an „Gesehenwerden“ sehr groß ist, der „Nichtbemerkte“ auch über Schelte, Bestrafung und Verachtung froh ist? Ist in einem solchen Fall nicht auch die negative Beschäftigung für den „Hungernden“ Nahrung? Nicht wohlschmeckend aber eben Nahrung?

Lieschen kommt zu ihren ursprünglichen Fragen zurück. Welche Art der Behandlung „blüht“ der Täterin? Von den Polizisten, die vielleicht Väter von Töchtern ihres Alters sind und von der eigenen Mutter, die diese Situation - und wer weiß was noch alles - offensichtlich schon einige Male erlebt hat?
Lauter Fragen, die das Lieschen natürlich nicht klären kann ohne dabei gewesen zu sein und ohne mit ihr gesprochen zu haben. Und vermutlich würde auch sprechen im ersten Moment nichts nützen. Spräche die Liese auf das Kind ein, verstärkte sich der Widerstand vermutlich und Fragen stießen wohl auch nur nach Zeiten „unendlicher“ Geduld auf eine irgendwie geartete Wahrheit.


Weil eine theoretische Lösung unmöglich ist und das Lieschen praktisch in diesem Fall nichts ausrichten kann stoppt sie nun bewusst ihre Gedanken daran, nimmt sich vor, in Zukunft Augen und Herz noch ein wenig geöffneter zu halten als sowieso schon und wendet sich in ihrem Inneren noch kurz Grete und ihrer Tante zu, denn natürlich hat sie auch für diese beiden viel Verständnis.




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Freitag, 8. November 2013

Lieschen will sich doch lieber freuen ... und freut sich

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 88  ---> guckst du hier

Als eben das Telefon klingelte wollte das Lieschen erst gar nicht dran gehen. Sie war nämlich im Stress. Berge von Stoffen türmten sich auf dem Boden ihrer „Fabrik“. Fabrik nennt sie das Näh- und Bastelzimmer, weil ihr diese Bezeichnung genau das Chaos erlaubt, das sie für kreative Maßnahmen braucht und das sie in anderen Räumen stören würde. Lieschen hat nämlich morgen Abend Klassentreffen und NICHTS anzuziehen. Garnichts. ÜBERHAUPT Garnichts. Nur drei angefangene Kleider. Und noch ca. vier andere in ihrem Kopf. Wenigstens eins wollte sie gerade fertig machen als das Telefon klingelte. 

Als sie auf dem Display sah, dass die Grete das Klingeln verursacht hat, ist sie natürlich dran gegangen, hat aber sofort über ihre aussichtslose Lage gestöhnt. „Nix hab ich anzuziehen. Ich kann da nicht hin gehen“ hat sie gesagt und die Grete wusste sofort Bescheid. „Quatsch! Was auch immer es ist. Du gehst dahin!“ Das hatte sie der Liese schon oft befohlen. Und wie immer fügte sie hinzu „Das Tigerkleid. Nimm das. Das passt immer.“ „Diesmal nicht, Grete. Diesmal nicht. Klassentreffen! Nur Frauen! Und die haben mich 35 Jahre nicht gesehen! Ich muss einen 1A Eindruck machen! Ich kann KEINESFALLS das alte Kleid anziehen!“ „Klar kannste! Machste ja eh zum Schluss, wenn es dir in letzter Sekunde dann doch egal ist.“ Die Grete kennt das Lieschen gut. Einen Tag vor irgendeinem Ereignis, zu dem sie eigentlich nicht hingehen will, macht sie sich jede Menge Stress. Sie strickt und näht als ginge es um ihr Leben und wenn es dann soweit ist geht sie entweder nicht hin oder zuppelt halt irgendetwas aus ihrem Schrank, in dem sie sich wohl fühlt. „Ach Grete hast ja Recht! Wie immer. Was gibt’s eigentlich? Warum rufst du an, du Gewohnheitstier, das normalerweise am Samstag anruft?“ 

Lieschen hatte es sich mittlerweile, nach einem kurzen Blick in den Kleiderschrank, der ihr die Gewissheit gab, dass das Tigerkleid nicht zufällig in der Wäsche war, im Sessel gemütlich gemacht und hörte nun Gretes Anliegen zu. Ach was hat sie sich geschämt. Die Grete kam mit der Erinnerung an ein echtes Problem. Sie erzählte noch einmal von ihrer Krebserkrankung, von das Lieschen damals in der akuten Zeit gar nichts erfahren hat. Erst hinterher hat die Grete ihr das erzählt. Diagnose und Krankenhausaufenthalt hat die Grete ihr damals als Urlaub „verkauft“ und erst hinterher die Wahrheit berichtet. Lieschen hat erst davon erfahren als „alles vorbei war“. Schwach war die Grete wohl noch, aber geheilt, wie sie sagte. Richtig darüber sprechen wollte sie aber auch dann nicht. Ist gut gegangen und nun ist es vorbei, hat sie gesagt und das Thema gewechselt. Vielleicht war das gut so. Das Lieschen hätte sich natürlich ne Menge Sorgen gemacht, wenn sie es vorher erfahren hätte und wer weiß, was sie alles gefragt und gesagt hätte, wenn die Grete das Thema nicht gewechselt hätte. 

Heute ist der Grete das ganze Thema wieder eingefallen, weil sie ein Video von einer im OP tanzenden Frau gesehen hat. Immer wieder. Und jetzt wollte sie wissen, was die Liese davon hält und von vorsichtshalber amputierten Brüsten, Vorsorgeuntersuchungen und vor allem eben von dieser tanzenden Frau. Aber die Liese hat keine eindeutige Meinung. Bisher hatte sie ja Glück und ihr ist eine Krebsdiagnose erspart geblieben. Gottseidank. Das heißt natürlich nicht, dass sie nie Krebs hatte oder hat. Die Liese geht nämlich niemals zur Vorsorge. Da können die Leute sagen, was sie wollen. Damit macht sie sich keinen Stress. Erst neulich hat sie wieder diesen Schrieb von der Krankenkasse weggeschmissen, der sie zur Krebsvorsorgeuntersuchung einlud. Sie will das nicht wissen. So was macht sie nicht vorsorglich. Das kann die Grete natürlich nicht verstehen. Und das wiederum versteht die Liese. Grete ist ja in einer ganz anderen Situation. Vielleicht würde die Liese in ihrer Situation genauso handeln. Wer weiß.

Brüste würde sie niemals vorsichtshalber wegoperieren lassen, aber die tanzende Frau findet das Lieschen super. Sie selbst hat das Video ja nicht gesehen, aber das was Grete ihr erzählte klingt klasse, findet sie. Es ist möglich, dass im Tanzen gefühlte und ausgedrückte Freude das Leid und seine Ursachen „vertreibt“. Klingt komisch. Ist aber vielleicht so. Meint jedenfalls das Lieschen. Und die Grete ja auch. Die hat die Freude ja schon allein beim Zugucken gespürt.
Vielleicht würden wir uns alle viel Leid ersparen, wenn wir so aktiv wie diese im OP tanzende Frau die Freude in unsere Körper und unsere Leben einladen würden und sie unabhängig von den Umständen einfach ausdrücken würden. „Vielleicht wäre das die beste Vorsorge, Grete. Vielleicht sollten wir alle mehr tanzen.“

Die beiden haben noch über dies und das gesprochen, über vergangenes Leid und immer wieder über Freude und deren mögliche Kraft zur Heilung bzw. zur Verhinderung von Krankheit. So nachdenklich der Anlass des Anrufs war, so ausgelassen sind die beiden im weiteren Verlauf. Sie freuen sich. Beide. Aneinander und am Leben. Kann sein, dass sie sich am Mittwoch am Flussufer zum Tanzen treffen. Kann sein. Wenn sie den Mut dann noch haben. Sie werden spätestens am Dienstag noch einmal deswegen telefonieren. Lieschen kann ja auch beim Tanzen erzählen wie das Klassentreffen war und wie ihr Tigerkleid angekommen ist. Denn das wird sie nun definitiv tragen. Weil's nämlich wurscht ist, wie sie aussieht. Hauptsache sie hat Spaß. Das weiß sie nun wieder.




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Donnerstag, 7. November 2013

Das Lieschen atmet

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 87  ---> guckst du hier

Als Lieschen gestern verspätet mit wackeligen Knien und einem leichten Muskelkater im Kiefergelenk im Café ankam, saß die Grete schon am reservierten Tisch. Stocksteif und blass im Gesicht. So hatte die Liese ihre Freundin noch nie gesehen. Grete sitzt normalerweise eher entspannt mit rundem Rücken, ein wenig nach vorne gebeugt. Gestern aber nicht. Manchmal springt die Grete auch auf, wenn das Lieschen kommt oder sie dreht sich wenigstens in Richtung Tür, wenn sie eintrifft. Im Normalfall will sie nämlich Lieschens lustige Kleidung in Gänze und nicht nur im Sitzen betrachten. Gestern aber nicht. Es hat ein bisschen so gewirkt als freute sich die Grete gar nicht über Lieschens Ankunft. Natürlich hat das das Lieschen irritiert, aber bevor sie sich einen Kopf machte, ist sie beherzt zum Tisch gegangen, hat sich zur Grete herunter gebeugt, sie umarmt und gefragt was los ist.

Damit hat sie eine Art Maschinengewehrsalve provoziert, in der die Grete geschätzte 100.000 Wörter in der Minute unterbrachte. „Zumba, Muskelkater, Mord, Heidi, Berta, Susi, nie wieder, Po, Jogginganzug, Zumbamode, kostenlos, Dusche“ und immer wieder „niemals wieder“. Dem Lieschen glühten die Ohren. Sie hatte ja bis dahin noch niemals irgendetwas von Zumba gehört und überhaupt keine Ahnung, dass es sich um ein Mordwerkzeug für alternde Damen wie die Grete und sie selbst handeln könnte. Scheint auch gut getarnt zu sein und in öffentlichen Räumen stattzufinden. 

Die Grete hat dem Lieschen verboten über sie zu lachen. Sie sollte auch nicht sagen, dass eine ganze Stunde Sport für einen völlig untrainierten Mittefünfzigkörper, der hauptsächlich das Sitzen im Büro, im Wagen, auf dem Sofa und dem Balkon kennt,  vielleicht nicht ganz das Richtige ist. Und bedauern sollte sie sie auch nicht. Keinesfalls. „Bin ich ja selbst schuld“ sagte die Grete immer wieder. Und natürlich hat sich das Lieschen daran gehalten. Sie hat nix gesagt und erst mal auch nicht gelacht, obwohl sie sich dafür enorm zusammenreißen musste.

Sie selbst kam ja gerade vom „Atmen“ und spürte, wie schon so oft in den letzten Wochen, heraufziehenden Muskelkater in der Hüfte, den Beinen und dem Kiefer. Als sie das der Grete erzählte, entspannte die ein wenig, sank unter Stöhnen ein bisschen tiefer in den Stuhl mit dem Kissen und kämpfte selbst mit dem Lachen. „Du warst beim Atmen? Und davon kriegt man Muskelkater???“ Die Grete konnte das Lachen dann nicht mehr unterdrücken und das Lieschen stimmte mit ein. „Warum? Wie? Hä?“ japste die Grete zwischen Stückchen der mittlerweile eingetroffenen Torte, Lachgluckser und Schlückchen aus der Riesenkaffeetasse.

Also erzählte die Liese von dem kurzen Besuch der Freundin aus alter Zeit, die sie mehr als 15 Jahre nicht mehr gesehen hatte und die fand, dass sie, die Liese, ganz die Alte sei, ABER die Stimme so kratzig und fremd geworden wäre, dass sie sie kaum erkennen könnte. „Quatsch“ fand die Grete am Mittwoch und der Hermann damals. Aber das Lieschen selbst wusste schon, dass die Stimme immer tiefer geworden war und ihr das Sprechen manchmal nicht leicht und das Singen schon lange schwer fiel. Also hat sie sich einen Volkshochschulwochenendkurs mit dem Titel „Atem, Körper, Stimme“ rausgesucht, sich angemeldet und ist hin marschiert. Die Seminarleiterin, eine Sängerin, Gesangslehrerin und Atemtherapeutin war schockiert über Lieschens selten „anspringende“ Stimme, hat aber ihr Möglichstes getan, Lieschen und die anderen Teilnehmer mit gruseligen und lustigen Körper- und Atemübungen auf „Tonformungsübungen“ vorzubereiten. Am Ende des Wochenendes hatte die Liese einen ähnlich schlimmen Muskelkater wie die Grete am Mittwoch und wahrscheinlich heute auch noch. Aber sie konnte bereits lustige Töne formen, die dem Klang eines Didgeridoos  sehr ähnlich waren und sie hatte das ganze Wochenende über so viel Spaß, dass sie beschloss, die Dame regelmäßig für ein Stündchen aufzusuchen. 

Das hatte das Lieschen der Grete bis jetzt noch nicht erzählt, weil sie vermutete, dass die Grete das für Quatsch halten würde. Und so war das gestern alles neu für die Grete. Und was hat die sich amüsiert als das Lieschen ihr von ihrem Wackelbrett, den Noppenbällchen, dem Tönen mit Hüftübungen, dem „Kauen eines „Ws“ oder „Ms“ und lauter solchen Sachen erzählte. Und dass sie seit ein paar Wochen regelmäßig übt und trotzdem nach den Stunden bei  der Gesangslehrerin, die ihr nur das Tönen beibringen soll, leichten Muskelkater hat. 
Natürlich hat die Grete gelacht, aber nicht ÜBER die Liese speziell, sondern irgendwie aus Freude und ein bisschen über sie beide. Mitte Fünfzig und die großen Ausprobriererinnen vor dem Herrn.


Gestern waren die beiden nicht so oft zum Rauchen vor der Tür wie an einem gewöhnlichen Mittwoch. Den Lungen hat dieser Umstand vermutlich ebenso gefallen wie der Grete und der Liese der gemeinsame Mittwoch.




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Mittwoch, 6. November 2013

Lieschen verschiebt die Entscheidung ... noch

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 86  ---> guckst du hier  


„Tja“ denkt das Lieschen als sie Gretes Überlegungen zu Mr. Google und den Möglichkeiten, die „er“ uns heutzutage bietet, zu Ende gelesen hat. Die Liese nutzt das Internet mit allem was es bietet ja noch gar nicht so lange wie so manch anderer. Erst seit ein paar Jahren. Vielleicht vier. Mehr wohl kaum. Sie hatte auch eine gute Zeit bevor sie ihren Computer fast den ganzen Tag mindestens auf standby geschaltet hatte. Sie war viel mehr an der frischen Luft und der Körper war auch beweglicher, muskulöser und fitter. Ob sie wirklich weniger wusste? Mag sein. Ob das schlechter war? Wer weiß. Heute erfährt sie mehr als früher. Es war komplizierter in die Bücherei zu gehen und sich ein Buch mit Fakten zu suchen, die sie meinte zu brauchen. Heute googelt sie rasch, was sie wissen will und nimmt es ungenauer auf als damals, als sie Informationen noch in Bücher suchen musste und viele Zusatzinfos natürlich nicht fand. 

Früher hat sie auch öfter mal ihren Hermann nach Wissen gefragt, das ihr fehlte. Hermann weiß nämlich viel. Und aus ihren Fragen und Antworten haben sich oft Gespräche entwickelt, die für beide Seiten bereichernd waren. Fakten und Meinungen mischten sich und ergaben so wunderbar neuen Gesprächsstoff.
Heute ersetzt das schnelle Googeln oft die reale Frage, führt einen auch zu vielen Meinungen in Blogs oder auf persönlichen Websites, bietet einem in Kommentaren die Meinungen vieler anderer und frisst in der Annahme, sich mitten in einer „menschlichen“ Diskussion zu befinden, jede Menge Zeit. 

Lieschen hat oft das Gefühl, einem Thema differenziert auf den Grund gehen zu wollen. Das hatte sie schon in den Vorinternetzeiten und dafür brauchte sie Bücher, Kopien, Zeit, Muße, ihre Fähigkeit zu denken und andere Menschen. Reale. Sie erfuhr weniger, hatte aber auch oft das Gefühl, alles getan zu haben, was möglich war, in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema. Heute ist in der wahnsinnigen Fülle von verfügbaren Fakten, Meinungen und zugänglichen Wörtern zu den einzelnen Themen kaum noch ein „Fertig“ möglich. Immer hat sie das Gefühl, hinter der nächsten Ecke, hinter dem nächsten Link befindet sich DIE Info, die ihr noch fehlt, um wirklich ein rundes Bild zu bekommen.

Das Vertrauen, das sie „von selbst“ genau das erfährt, was sie wissen muss, wenn sie es wissen muss, ist in dieser Schnelligkeit und überfließenden Informations- und Meinungsfülle beinahe abhanden gekommen. Die Gewissheit, dass sie das, was sie eben nicht weiß oder erfährt, auch nicht wissen muss, ist schon beinahe verschwunden.

Lieschen ist kurz davor, sich dieser Informationsflut, in der sie kaum noch entscheiden kann, was Fakten sind und was phantasiertes Zeugs , Vermutungen oder nur Willenserklärungen sind, zu entziehen. Manchmal, selten wohl, aber manchmal eben, schaltet  sie ihren Computer einfach einen halben Tag lang nicht an und hält aus, dass sie manches nicht oder nicht sofort erfährt. So wie früher, wenn sie das Telefon einfach ausgestöpselt hat, wenn sie ihre Ruhe wollte. Nix hat sie dadurch verpasst. Wer wirklich eine wichtige Nachricht oder ein wichtiges Anliegen hatte, hat sie erreicht. Immer. Nix Wichtiges ist dabei unter die Räder gekommen.

Dass das „Stöpselziehen“ etwas ist, das ihr schwierig geworden ist, beunruhigt sie. So wie sie gestrickt ist, wird sie eines Tages, ihren Computer mitsamt diesem ominösen Mr. Google und seinen gesammelten Links in den Schrank räumen und seine Existenz ignorieren. Oder doch nicht? „Vielleicht nicht heute“ sagt sie mitten hinein in ihre Überlegungen. „Vielleicht fange ich erst einmal mit regelmäßigen kurzen Entzügen an. Ein, zwei Tage Finger weg vom Anschaltknopf.“ Sie meint, dass der kalte Entzug zu viel für sie wäre. Jetzt jedenfalls. Morgen sieht das vielleicht anders aus.

Wie wohl andere Menschen das handhaben. Gibt es schon Kliniken für „Mr.GoogleInternetinfoJunkies“? Wenn ja, wo und wie sind die Erfahrungen? Lieschen schraubt sich statt einer klaren Entscheidung, die ihr mindestens das Überschwemmen der Küche wie bei Grete verhindern würde, in die Fragen rund um diese spezielle neuzeitliche Sucht und ihre Heilungsmöglichkeiten. Das erscheint ihr im Moment sehr interessant und sie ist froh, dass sie sicher ganz leicht Antworten finden wird. Herr Google sei Dank.

Morgen wird sie den Computer aber einmal ausgeschaltet lassen. 
Den ganzen Tag! Ganz bestimmt! Das könnt ihr glauben!





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Montag, 4. November 2013

Lieschen und die Handhabung der Axt im Haus

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 85  ---> guckst du hier  

Nachdem das Lieschen den ersten Schreck darüber überwunden hat, dass die Grete haarscharf an einem möglichen Stromschlag vorbei geschrabbelt ist, amüsiert sie sich über Grete und deren Erlebnisse am Sonntagabend. Selbst ist sie stets ratzfatz mit Hilfestellungen für Hinz und Kunz dabei und wenn sie mal Hilfe bräuchte, fragt sie nicht. Jedenfalls nicht sofort. Wie oft schon hat das Lieschen Berichte darüber gehört, dass die Grete stundenlang an irgendetwas rumgedoktort hat, obwohl es jemanden in ihrer Nähe gab oder gegeben hätte, dem es ein Leichtes gewesen wäre, das Gewünschte in kürzester Zeit für sie zu erledigen. Aber Handwerker und Computerspezialisten sind halt nicht automatisch auch Hellseher. Das kommt in deren Ausbildung ja auch gar nicht vor.

Und dann das Thema mit den Männern. Lieschen findet so einen Mann im Haushalt ja enorm praktisch. Allerdings ist es selten so wie die Grete sich das vorstellt, wenn sie im Havariefall den Mann im Haus vermisst. „Die Axt im Haus“ ersetzt selten  automatisch den „Zimmermann“. So eine „Axt“ will ja auch gefragt werden. Jedenfalls ist das Lieschens Erfahrung. Und manchmal hat die „Axt“ gerade anderes zu tun oder hat keine Lust und stellt sich taub oder repariert wohl, aber natürlich nicht dann wenn Frau das will. Und Lieschen wollte früher immer alles sofort. Und genau nach ihren Vorstellungen. Also haargenau nach ihren Vorstellungen. Das ist selten gut gegangen.

Vor dem Hermann hat das Lieschen mit einem Schreiner zusammen gelebt. „Uih“ hat sie zu Beginn der Beziehung gedacht, „das wird super. Nach und nach werden wir lauter schöne und praktische Möbel bekommen. Herrlich!“ Sie hatte Bilder von passgenau eingebauten Möbelstücken. Sie stellte sich die Wohnung völlig ohne „verschenkte Räume“ vor. Sie freute sich und hatte im Grunde die Bewerbung für den nächsten Wettbewerb in „Schöner Wohnen“ bereits fertig formuliert und quasi schon im Briefkasten. Gottseidank noch nicht wirklich, denn sie musste lernen, dass ihre Euphorie verfrüht war und die überlieferte „Weisheit“, dass ein Schuster oft die schlechtesten Schuhe trägt, vermutlich wahr ist. 

Alle. Wirklich alle anderen, die Möbel bei Lieschens Schreinerfreund bestellten, bekamen sie. Manche zahlten gut dafür und manche fragten einfach geschickt. Viel geschickter als das Lieschen. Die sagte nämlich zum Beispiel „wir brauchen … unbedingt! Bald …“. Während andere Damen erst einmal deutlich machten, wie besonders bewundernswert ein Mann mit solch handwerklichen Fähigkeiten ist. Das half schon einmal sehr. Wenn sie dann noch deutlich herausstellten, dass sie das, was sie brauchten, leider, leider gar nicht herstellen oder bezahlen könnten, wuchsen ihre Chancen sehr. Je weniger die Frauen sich bemühten, selbst handwerklich geschickt zu werden, desto fröhlicher und lieber hat „Lieschens Axt“ in deren Häusern für „Klarschiff“ gesorgt. Damals hat das die Liese wahnsinnig gemacht. Heute ist sie froh über die Erfahrung, aus der sie im Laufe der Zeit eine Menge gelernt hat. Und damit meint sie nicht nur die korrekte Handhabung eines Akkuschraubers, die Kenntnis verschiedener Holzeigenschaften und die Tatsache, dass sie weiß, was Kantenbrechen ist und das auch kann.

Heute ist sie ein großer Fan von Aufgabenteilung, weiß zu schätzen, dass der Hermann andere Dinge kann als sie und vor allem hat sie das offene Fragen und Bitten gelernt. Wenn Hermann eine Aufgabe übernommen hat, „darf“ er die machen, wann ER will und „muss“ sie nicht erledigen, wann das Lieschen meint, dass es richtig wäre, es zu tun. Auch mit einem Nein kommt die Liese mittlerweile sehr gut zurecht. Das heißt aber nicht, dass sie ihren Wunsch dann unbedingt aufgibt. Es kann sein, dass die Aufgabe in der Folge ein externer Handwerker erledigt oder sie Hermann nach seinen Wünschen und Bedingungen fragt. Manchmal tauscht sie Gefallen gegen Gefallen. Ganz explizit. Verhandeln kann das Lieschen mittlerweile prima und auch der Hermann mag das mit den Jahren immer mehr. Klarheit hilft und verhindert eine Menge „böses Blut“ .


Wäre das Lieschen in Gretes Sonntagabendsituation und der Hermann zu Hause gewesen, hätte er vermutlich sofort das Wasser abgestellt, den Fehler entdeckt und die halbe Nacht im Internet Preise für Durchlauferhitzer verglichen. Mit Gretes Satz „Morgen früh brauche ich UNBEDINGT warmes Wasser … ungeduscht geht GAR NICHT“ wäre die Liese sicher nicht durchgekommen, hätte es aber auch gar nicht versucht. Irgendetwas wäre ihr schon eingefallen, um die Ungeduschtheit optisch zu kaschieren oder sie hätte halt auf dem Weg kurz im Schwimmbad angehalten.

Mag sein, das die Grete mit ihrem Herrn Heber im Haus und einer Wohnung ganz für sich besser dran als das Lieschen. Mag sein, dass Lieses Situation die bessere ist. Wer weiß das schon?



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Lieschen und die Gewissens-Frage(n)

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 84  ---> guckst du hier  

Natürlich hat die Grete Recht. Jeder Mensch muss sein Leben so leben wie es ihm entspricht. Das hat sie gestern beim gemeinsamen Ausflug immer wieder gesagt und Lieschen hat das bestätigt. Natürlich. Reinen Gewissens möchte sich die Grete im Spiegel begegnen können. Das hat sie mit viel Nachdruck gesagt und das Lieschen hat es dann auf sich beruhen lassen. Für den Moment. Am Abend hat sie aber immer wieder einmal über diese Sache mit dem Gewissen nachgedacht. Sie weiß nicht wirklich, was ein gutes oder ein schlechtes Gewissen ist und wie das zustande kommt. Woran richtet sich das denn aus? An den eigenen Normen und Werten oder an denen der anderen, der Gesellschaft oder der Nachbarschaft.

Wenn Lieschen zum Club der Autofahrgegner gehören würde. Wenn sie aus Überzeugung, aus Gründen des Umweltschutzes oder welchen Gründen auch immer, Autofahren grundsätzlich ablehnen würde und diesen gestrigen Ausflug mit Grete aber gemacht und auch noch genossen hätte, so wie sie es ja tat, müsste sie wohl trotz der Freude ein schlechtes Gewissen haben. Denkt sie. Oder doch nicht? Würde es einen Unterschied machen, ob die „Clubmitglieder“ vom Autoausflug erführen oder sie es heimlich einfach gemacht hätte? Wonach richtet sich so ein Gewissen?

Die Grete hilft den Menschen in der Nachbarschaft ja gerne. Das Lieschen eigentlich auch. Die Liese weiß nur oft nicht, was wirklich eine Hilfe wäre. Ist es für den alten Nachbarn eine Hilfe, dass man ihm alle Arbeiten und Handlungen abnimmt oder wäre es ihm eine Hilfe, ihn in dem zu unterstützen, was er selbst noch kann? Auch wenn das Geduld erfordert und von den anderen Nachbarn als unterlassene Hilfeleistung bewertet würde? An was würde sich Lieschens Gewissen orientieren? An der Bewertung der Nachbarn, des alten Mannes oder ihrer eigenen, die Grenzüberschreitungen als „schlecht“ und respektvollen Abstand als „gut“ bezeichnet?

Was macht so ein Gewissen, wenn es sich zwischen verschiedenen Bewertungen entscheiden muss? Denn entscheiden müssen wir uns ja immer. So ein Gewissen ist da ja nicht besser dran. Meint das Lieschen, das sich während des Abends immer weiter in das gedankliche Gewissens-Problem hinein „spiralisiert“. Wo mag sie wohl auskommen? Was, so fragt sie sich auf dem Weg, ist wohl der Ursprung eines Gewissens? Und wofür ist das eigentlich gut? Oder ist es schlecht? Ist es gut ein gutes Gewissen zu haben und ist es wirklich schlecht ein schlechtes Gewissen zu haben? Oder könnte ein gutes Gewissen auch schlecht sein, weil es einen vielleicht in einer Sicherheit wiegt, die trügerisch ist und ein schlechtes Gewissen könnte vielleicht gut sein, weil die zugrunde liegende Handlung einen Menschen vielleicht zu viel Freude geführt hat, die er beim Bemühen ein gutes Gewissen zu erhalten niemals erfahren hätte?

Auf was fußt dieses ominöse Gewissen? Und aus welchem Grund wollen wir Menschen immer das „schlechte“ vermeiden und das „gute“ haben?
Ob ein schlechtes Gewissen krank macht? Das, was zu dieser Art Gewissen geführt hätte, aber durchaus gesund gewesen wäre? Und ob ein gutes Gewissen automatisch gesund erhält? Oder ist auch das völlig Zusammenhanglos?

Lieschen kommt zu keinem eindeutigen Ergebnis und unterlässt es diesmal auch, ihren Hermann mit ihren Überlegungen zu belästigen. Obwohl ihr seine Gedanken zu von ihr aufgeworfenen Themen oftmals Futter liefern, das ihr gefällt. Aber es ist Abend und Hermann hat zu tun. In seinem eigenen Universum. Angekündigt. Kein Problem, beschließt die Liese und unterlässt, wie gesagt, die Störung. Und das nicht nur, um seinen Unmut über eine Störung zu verhindern. Nein. Sie möchte auch ein reines Gewissen behalten. Oder macht sie sich da etwas vor?


Lieschen belässt es bei der Frage an sich selbst. Geht ihr aber nicht mehr aktiv nach. Stattdessen macht sie es sich gemütlich und summt. In ihrem Bett. So wie heute mit der Grete in deren Auto, das sie noch Wagen nennt und das das Autochen nun ersetzt. Sie summt und summt und summt … und schläft darüber ein. Im Traum dann ist die Liese mittendrin in diesem Balkonsingereispektakel, von dem die Grete gelesen und erzählt hatte. Ob sie zu den Gewinnerinnen gehörte, erfährt die Liese nicht mehr. Denn mittendrin klopft der Hermann an die Tür und berichtet ihr von irgendeiner Kleinigkeit, die er trotz Versprechen zu tun vergessen hatte und nun doch noch erledigt hat. „Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen als es mir einfiel“ sagte er zum verschlafenen Lieschen „und damit wollte ich den Tag natürlich nicht beenden.“





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Freitag, 1. November 2013

Lieschen und die Entschleunigung, von der ihre Gedanken nix wissen

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 83  ---> guckst du hier 

„Entschleunigt bin ich ja“ denkt das Lieschen, das gerade Gretes Entschleunigungsversuchsbericht gelesen hat „äußerlich. Äußerlich bestimmt.“ Lieschen findet vieles, was sie an Aktivitäten ihrer Mitmenschen beobachtet, völlig überflüssig. Sie telefoniert noch mit einem alten Handy, das überhaupt nicht „smart“ ist, sie verlässt das Haus nicht, weil sie unbedingt noch vor Geschäftschließung irgendetwas UNBEDINGT braucht und sie hat gelernt, sich nicht über ihre Taten zu definieren. Jedenfalls äußerlich. Wie gesagt.

Innerlich sieht das manchmal ganz anders aus. Es gibt Tage an denen rattern die Gedanken in Lieschens Kopf so schnell wie die Kommentare unter der Facebookstatusmeldung eines Prominenten Fernsehgesichts, das aus den inhaltsschweren Worten „Ich hab Euch alle lieb“ besteht und mit „wir dich auch“, „ich dich auch“ und „halt die Fresse“ im Sekundentakt beantwortet wird. Nicht unbedingt von allen 700.000 Fans, aber im Normalfall doch von vielen Tausend in den ersten Minuten. 
Der Wortlaut von Lieschens Gedanken unterscheidet sich meistens vom Inhalt der meisten Facebookkommentare, die sie kennt. Die Frequenz ist aber die gleiche. Speziell dann, wenn die Liese einfach völlig ruhig und entschleunigt rumsitzen will und es auch tut.

 „Du solltest aber doch““, „andere machen das doch auch“, „was soll denn xy von dir halten?“, „was sag ich nur, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde?“, „kann ich die schwarze Jacke wirklich zu dem gelben Kleid tragen?“ „sollte ich nicht doch noch los und nach einer Gelben suchen?“ „ach du meine Güte, das ganze Laub auf dem Weg, nicht dass jemand stürzt, falls es regnet“, „die Tür müsste unbedingt geputzt werden“, „wer um Gottes Willen hat weiße Eingangstüren für Häuser an vielbefahrenen Straßen ausgesucht?“, „ der Kleiderschrank müsste auch mal wieder aussortiert werden“, „ wie die Grete wohl mit dem neuen Auto zurecht kommt?“, „ob sie schon einmal, wenigstens, Probegefahren ist?“, „ob ich sie mal anrufe?“, „nein, habe ich gestern schon getan und morgen sehen wir uns ja“, „was ziehe ich bloß an, morgen?“, „ob ich mal nach dem Wetterbericht google?“, „hoffentlich hat sie im neuen Auto endlich ein Navi“, „naja wird schon werden“, „Mist, die dicke Jacke ist der Wäsche“, „ob ich doch schnell noch wasche?“, „naja für die paar Teile lohnt sich ja keine ganze Maschine“, „ziehe ich halt die etwas dünnere an“, „können wir gleich die Heizung im neuen Auto testen“, „ach du meine Güte! Ich muss die Emails von gestern noch beantworten“, „nicht jetzt“, „doch, sonst vergisst du es wieder“, „siehste, du hattest dir doch vorgenommen, alles immer sofort zu tun“, „niemals hälst du dich an deine eigenen Vorgaben“, „aber von anderen verlangst du sofortige Antworten“, „naja, die anderen sind ja auch nicht besser“, „wenn die mich lange warten lassen, kann ich das auch“, „ob die bei der NSA auch wissen, dass mir manche Emails nicht beantwortet werden?“, „ob die das interessiert?“, „wie sieht wohl mein Profil bei denen aus?“, „wissen die, das ich genügsam bin und geben mir nach dem Zusammenbruch des Geldsystems weniger Essensmarken als den anderen?“, „ob wir doch noch Vorräte anlegen sollten?“, „wird wohl noch dauern“, „ach du meine Güte, die Uhr schlägt 12, dann muss ich gleich kochen“, „erst geh ich aber eine rauchen“, „ich warte noch nen Moment“, „sonst kommt die gehetzte Nachbarin gerade von der Arbeit und sieht mich da sitzen“, die guckt eh schon immer so komisch“, „nicht das die denkt, ich täte den ganzen Tag nix“, „soll sie doch, ist doch egal“, „ne“, „naja“, „doch“ „die Blumen müssten auch wieder gegossen werden“, „ich brauche eine ToDo-liste“, „so eine wie all die erfolgreichen Leute, die es wirklich zu was gebracht haben, haben“, „haha, zu Kondensstreifen, oder was? …

Und das ist nur das mögliche Protokoll von Lieschens möglichen Gedanken innerhalb der ersten Millisekunden eines möglichen völlig entschleunigten Rumsitzens. Manchmal klappt es aber auch, dass sie dem Feuerwerk in ihrem Kopf nach kurzer Zeit die Aufmerksamkeit entzieht. Und ohne Aufmerksamkeit fühlen sich die Gedanken beim Lieschen offensichtlich nicht besonders wohl. Dann sitzt sie da und IST einfach still. Nicht schnell, nicht langsam und nicht geschwätzig. Auch nicht im Kopf. Das mag sie. Wenn das gelingt, ist sie froh und voll Elan für das, was dann kommt. Egal, ob es sich um Beschleunigtes oder Entschleunigtes handelt. Egal ob laut oder leise. Ohne die Hetzte, die die Gedanken verursachen lebt sie ganz gut, die Liese. Auch inmitten dieses Höherschnellerweiter, dem sie sich dann leicht entziehen kann. Einfach weil es keine Bedeutung für sie hat.


Ob die Grete ihre Faulheit genossen hat und wie es währenddessen in ihrem Kopf ausgesehen hat, interessiert das Lieschen aber schon noch. Sie wird sie doch anrufen. Sofort. In dem Moment, in dem sie diesen Gedanken wahrnimmt, steht sie schon am Telefon, das bei ihr ja noch mit der Wand verbunden ist, klickt auf Gretes Nummer, hört das Wählgeräusch, bald darauf Gretes Stimme und fragt sie. Ganz einfach. 



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Das Lieschen, Hermann und die Badewanne(n)

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 82  ---> guckst du hier 

Dass die Grete verspätet im Café eintraf, hat das Lieschen kaum bemerkt. So sehr war sie mit ihren eigenen  Gedanken und ihrer Erschöpfung beschäftigt. Sie hing förmlich in ihrem Stuhl und starrte, nicht wie sonst üblich die anderen Caféhausbesucher an, sondern stierte einfach aus dem Fenster. 
Nicht dass die Liese am Mittwochmorgen schon so viel getan hätte, dass eine Erschöpfung logisch gewesen wäre. Sie hatte eigentlich nichts getan. Fast gar nichts. Bereitgehalten hatte sie sich den ganzen Morgen. Der Hermann hatte gesagt „dann brauche ich dich zum Anpacken. Reinheben kann ich sie dann nicht alleine.“ Das Lieschen hatte im Vorfeld versäumt zu fragen, wann das vermutlich sein wird und er hatte von sich aus keinen Zeitpunkt genannt. Also hatte sie sich den Wecker auf frühmorgens gestellt, keine Tätigkeit begonnen, die sie ja sowieso bald unterbrechen müsste, wie sie dachte, und hat gewartet. Auf den Ruf, den sie sofort erkennen wollte, wenn er kam. Das war gar nicht so einfach, denn Hermann fluchte in unregelmäßigen Abständen. Manches Mal nur murmelnd. Oft auch laut. Lieschen hörte auch die gemurmelten Flüche. So sehr konzentrierte sie sich darauf, ihren Einsatz nicht zu verpassen und so ihren, wenn auch kleinen, aber eben, Beitrag zum Gelingen der Verbesserung zu leisten.

Als Hermann und Lieschen vor Jahren in das alte Haus eingezogen waren, befand sich eine Minidusche im Badezimmer. Eine Dusche, in der Lieschen Platzangst bekam. Und weil sie sich die Entspannung, verursacht durch das Liegen in einer Badewanne voll warmem Wasser wunderbar vorstellte, schlug sie Hermann vor, einen Handwerker zu bestellen, der ihnen die Dusche in eine Badewanne verwandeln sollte. Den Badewannenvorschlag fand der Hermann damals super, die ExterneHandwerkersache nicht. Noch am gleichen Tag hat er die Dusche aus dem Badezimmer entfernt, das Lieschen ins Auto gepackt und mit ihr eine Tour durch die örtlichen Bauhäuser zur Besichtigung der unterschiedlichsten Badewannentypen unternommen. Lieschen weiß es noch wie heute, dass sie immer wieder sagte „ eine gerade Form … und tief soll sie sein. „Jaja“ sagte der Hermann zum Lieschen und „die da“ zum Baumarktverkäufer. Er hatte sich für das Sonderangebot entschieden, das am nächsten Tag geliefert werden würde. Ein Modell in geschwungener Körperform. Wassersparend. „Viel zu klein“ hatte die Liese gemurmelt. „Quatsch“ hatte der Hermann gesagt. 
Drei Tage später lag das Lieschen in warmem Wasser. Gerne hätte sie gesagt: „gemütlich“, aber das war es nicht. Die Wanne war nämlich winzig und den Körper komplett nass zu bekommen und dabei noch entspannt zu liegen war kaum möglich. „Quatsch“ sagte der Hermann und duschte nach seinem ersten Badeversuch nur noch. Lieschen wäre nicht Lieschen, wenn sie sich nicht an die Baderei in einer Pfütze Wasser gewöhnt hätte und dieser nicht auch noch Gutes hätte abgewinnen können. Gemütlicher als Duschen war es allemal.

Ende letzter Woche nun hatte Hermann doch Lust zum Baden. Tat es und kam kurz danach zum Lieschen mit der Frage „Was hältst du davon, wenn wir einfach sagen: Fehler ist Fehler. Kann man aber ausbügeln?“ Er meinte, dass sie eine neue tiefere und geradere Badewanne kaufen sollten. Den Einbau würde er gerne wieder übernehmen. Und da fing Lieschens Anstrengung schon an. Eine irgendwie funktionierende Sache zu zerstören und sich so viel Arbeit zu machen, ist ja Lieschens Sache nicht. Jedenfalls nicht im Falle solch unhandlicher Sachen wie zum Beispiel Badewannen.
 Aber Hermann mag handwerkliche Arbeiten am Haus. Auch die großen Arbeiten. Da hat er Spaß dran. Und an der Vorstellung, eine Badewanne zu besitzen, in die er samt Wasser hinein passt hat ihn wohl auch gereizt. Also hat er wieder die Baumärktetour unternommen. Diesmal ohne das Lieschen, aber mit ihren „Anweisungen“ im Gepäck. Bestellung, Lieferung, Badewannenausbau und –einbau. Für Lieschen ein nichtüberblickbarer Akt. Für Hermann eine Freude, bei der das regelmäßige Fluchen zum Spiel gehört und nur Momentaufnahmen sind, die ER in der Sekunde wieder vergisst.
Am Mittwochmorgen musste das Lieschen nur helfen die Badewanne in die bereits ausgerichtete und „verzementierte“ Verschalung zu heben und mit der angelüpften Badewanne einen Moment rumstehen bis Hermann mit dem Verbringen der Abflussschläuche fertig war.

Das war leicht. Und doch hatte die Liese die mentale Anstrengung und Konzentration des Nichtstuns und Wartens noch enorm in den Knochen als Grete in hellster Aufregung fast mit Blaulicht im Café eintraf. Dem Lieschen war es Recht, dass die Grete so viel erlebt hatte und sie im Grunde nur Zuhören musste. Grete beruhigte sich im Laufe des Nachmittags und Lieschen erholte sich ein wenig.


Zuhause angekommen erwartete das Lieschen eine fertig geflieste und „versilikonte“ Badewanne, ein Hermann mit Muskelkater und die Aussicht auf unzählige Entspannungsbäder in einer Wanne, in der sie von  Wasser BEDECKT liegen können würde. Ein herrlicher Mittwoch also. Wie so oft schon.




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