Donnerstag, 24. Oktober 2013

Lieschen nimmt sich für den Moment viel Zeit und andere Skurrilitäten

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 78  ---> guckst du hier 

Dem Lieschen schwirrt ja heute noch ein bisschen der Kopf. So viele Menschen und Geschichten haben sich gestern beim Kaffeetrinken mit der Grete auf dem Caféhaustisch und in ihrem Kopf eingefunden, dass sie ihre liebe Müh und Not hat, heute  irgendwie in die Strümpfe zu kommen. Die meisten sind schon wieder gegangen, aber einige halten sich hartnäckig. „So ist das mit der Vergangenheit und den Angelegenheiten anderer. Sie binden halt Energie. Da musste dich gar nicht wundern.“ Manchmal spricht sie so mit sich selbst. Das tut ihr gut, denn dann lacht sie - auch mit sich selbst und über sich. Das befreit. Auch ihren Kopf von all den Gedanken, die sie sich manchmal macht, wenn irgendwelche Informationen zu ihr gelangen. Z.B. Gedanken an den Tag, an dem Willi Millowitsch gestorben ist und sie in der Ferne geweint hat. Das hatte sie vergessen. Aber als die Grete den Namen erwähnte, sang sie automatisch „ich bin ene kölsche Jung, watt willste maaachen …“ und noch andere Lieder. Genauso wie am Todestag des Kölner Originals mit dem die Liese aufgewachsen ist. Also nicht persönlich, sondern nur in der Nähe. Also im Rheinland. Da gehörte er hin und da gehörte sie hin und auch die Grete. Und als er starb war sie schon lange nicht mehr dort und hat mit seinem Tod ihre damalige Abwesenheit von der Heimat und vielleicht auch deren möglicherweise kompletten Verlust beweint. Das hatte sie vergessen. Und wird sie auch bald wieder vergessen. Das hofft sie. Denn sowohl ihre rheinländische Geburt ist Vergangenheit als auch der tränenreiche Tag in einer anderen Stadt. Sind doch die Gedanken daran getränkt mit Gefühlen, die für ihr Heute keine Bedeutung haben. Oder vielleicht doch? „Nein!“ sagt das Lieschen mit Bestimmtheit, schenkt der Melancholie noch ein wenig Gastfreundschaft, ignoriert den Gedanken an Frau Merkels Smartphone, vermeidet es, noch einmal über Lügen und Politiker, die ihre Bürger für doof halten, zu philosophieren und wendet sich noch einmal kurz dem letzten Thema des gestrigen Kaffeetrinkens zu.  

Die Grete hatte nämlich von ihrer Angst vor Tarotkarten erzählt. Das hatte die Liese sehr erstaunt. Sie selbst findet ja, dass solche Karten ein prima Hilfsmittel sind, um sich über die eigene aktuelle Situation klarer zu werden und möglicherweise Sachverhalte zu entdecken, die auf den ersten oberflächlichen Blick unsichtbar sind. Sie fahndet schon seit unzähligen Jahren immer mal wieder -  auch - mithilfe solcher Karten nach „verborgenen Informationen“ über sich selbst. „Immer nur für mich selbst, Grete“ hat sie gestern ein paar Mal gesagt. „Und immer nur für die aktuelle Situation“ hat sie hinzugefügt. 

In die Zukunft gucken wäre der Liese auch unheimlich. Die entsteht ja erst.  Und darüber möchte sie auch nichts wissen. Denn wenn sie wüsste, dass z.B. ein bestimmtes Problem auf sie zukommt, würde sie sich ja heute schon verrückt machen. Obwohl sie gar nicht wüsste, in welcher Situation sie dann wäre, welche Möglichkeiten sie dann hätte und so weiter. Das macht in Lieschens Augen keinen Sinn. Das würde ihre Energie ja genauso binden wie das Nachdenken über Vergangenes. Das gewöhnt sie sich ja auch Schritt für Schritt ab. All das ist ja nicht jetzt. „Das Leben, Grete, das Leben ist aber NUR jetzt!“ hat sie immer wieder gesagt und die Grete hat unzählige Argumente angeführt, warum die Vergangenheit mit ihren Ereignissen so wichtig ist und warum die Zukunft doch geplant  und wenn möglich durchschaut werden sollte. Da war sie aber bei dem Lieschen an der falschen Adresse. 

Die Liese meint ja, es sei das Beste, sich um den Moment zu kümmern. Und darum bemüht sie sich. Für den Moment und das Ausloten, was jetzt ist, nimmt sie sich eine Menge Zeit. Als sie das gestern zur Grete sagte, hat die sich kaputt gelacht. „Für den Moment viel Zeit nehmen … hahaha“. Und das Lieschen ist ins Lachen eingefallen. Das gefällt ihr. Die Worte, die sie benutzt genau nehmen, gehört nämlich dazu. Zu der Aufmerksamkeit, die sie dem Leben schenken möchte und auch oft schenkt. Als das Lachen abebbte, lehnte sich das Lieschen zurück und sagte „siehste Grete, so verrückt ist das nämlich. Da entsteht das Leben in jedem Moment neu und ich quatsche hier von Zeit.“ Die Liese hat dann noch hinzugefügt, dass sie, wenn sie jetzt alleine wäre und ihr dieser lustige Satz aus ihrem Munde oder in ihrem Kopf aufgefallen wäre, vielleicht die Tarotkarten nehmen würde, um herauszufinden, was eine persönliche tiefere Ursache für diese Verkettung wäre. „Vielleicht, Grete“ hat sie gesagt „vielleicht!“ Denn eigentlich sind ihr mittlerweile auch sogenannte Ursachen egal. „Ist ja wurscht wie es dazu kam. Ist ja vorbei. Und schon allein das bewusste Bemerken hilft vermutlich.“ Hat sie gestern zur Grete gesagt und meint es natürlich auch heute noch. Grete hat den Kopf geschüttelt, noch ein bisschen die Vergangenheit verteidigt und hat dann in Lieschens entspanntes Lachen eingestimmt. „Ist wieder ein schöner Mittwoch“ hat sie gesagt und die Liese hat ihr zugestimmt. Wie immer. Oder anders gesehen. Völlig neu. Zum allerersten Mal.



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Kommentare:

  1. Liebe Brigitta,
    das ist schwere Kost für die Nacht. Deine Gedanken über das Jetzt und Hier, über die Vergangenheit und über die Zukunft.
    Das Leben findet heute statt. Das sollten wir uns immer vor Augen
    halten. Die Vergangenheit ist gelebt - sie kommt nicht zurück - wir können nichts mehr ändern.
    Aber ganz können wir uns auch vor Erinnerungen nicht schützen. Siehe Millowitsch. Aber man darf nicht nur von Erinnerungen leben.
    Das führt zu nichts und läßt uns in unserem täglichen Leben erstarren.
    Meine Tarotkarten habe ich ganz aus meinem Leben verbannt. Wir können das Schicksal nicht beeinflussen. Es kommt von ganz allein.
    Ich wünsche dir eine gute Nacht
    Irmi

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  2. Hallo Brigitta,
    ich zu einem ähnlichen Thema in meinem Blog einmal Aristoteles ausgekramt Er definiert die Zeit als einzelne Augenblicke und als Zeit als solcher. Die Augenblicke stehen für sich, erst die Zeit verbindet sie zu einer Linie, die uns, wann immer wir an sie denken, an ihr Ende erinnert ... Habe ich einfach aus meinem Post heraus kopiert. Passt vielleicht auch zu diesem Post. Manchmal versuche, ich solche schwergewichtigen Zitate unterzubringen.

    Gruß Dieter

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  3. „siehste Grete, so verrückt ist das nämlich. Da entsteht das Leben in jedem Moment neu und ich quatsche hier von Zeit.“

    :-) wundervoll! sagt der Dingefinder und Zeithaber Jörg

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  4. Nun habe ich extra zurück geblättert. Gestern Abend war ich aus und da verpasst man gleich einiges. Manchmal kann man sich ruhig die Karten legen. Jeder hat seine eigenen Methoden. Ist die Zukunft vorbestimmt? Ich lebe auch im Heute und Jetzt. Alles langsam auf sich zukommen lassen. Schönes WE - Geli

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  5. wo nimmst du nur die Fantasie her ... die Geschichten sind echt klasse!
    ich habe wieder gerne hier gelesen :-)
    Lieber Wochenendgruß von Heidi-Trollspecht

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  6. Manchmal wird´s hier richtig philosophisch...
    ;)
    Liebe Grüße
    Christiane

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))