Montag, 14. Oktober 2013

Lieschen wundert sich nicht die Bohne

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 70  ---> guckst du hier 


Lieschen wundert sich ja nicht die Bohne über saufende Jugendliche. Ist es nicht das, was ihnen von Erwachsenen vorgemacht wird? Kein Fest ohne Alkohol. Alkoholausschank an allen Ecken der Republik. Inhaltsleere nicht nur im Erwachsenenzusammensein? Gelächter statt Ächtung über tagsüber lallende Politiker? Alkoholwerbung, in der das Wort Alkohol nicht einmal vorkommt und in der nur die Fröhlichkeit bebildert wird? Ein Straßenbild, in dem Menschen mit Flaschen in der Hand ganz gewöhnlich sind? Kinder, die es von klein auf gewöhnt sind, an Feiern teilzunehmen, die nicht so sehr durch inhaltliche Fröhlichkeit glänzen, aber selbstverständlich lallende Erwachsene inklusive ihrer Eltern zur Folge haben? Viel zu viele Menschen um sich herum, die Angst vor ihren schlechten Gefühlen haben und die sogenannten guten Gefühle auf ewig konservieren wollen?

Warum das so ist, fragt sich die Liese oft. Ist es nicht so, dass die Welt, in der wir leben, quasi danach schreit, einen Ausgang zu suchen und hoffentlich auch zu finden. Manche Ausgänge sind halt pervers. Gewöhnlich pervers. Und doch verständlich. Wer ehrlich ist und sich die Welt ansieht wie sie sich zeigt, ohne sofort in Wut, Depression, Sehnsucht zu verfallen, sich in die Romanwelten ebenfalls suchender Autoren beamt, die Identität von Fernseh- oder Filmhelden annimmt oder eben einfach regelmäßig zu Entspannung oder allgemeiner Lockerung trinkt oder säuft, kann doch nur verzweifeln? Oder nicht? 

Lieschen weiß, dass diese ihre Kombination der Worte auf Gegenwehr stoßen wird. Und doch traut sie sich, sie in dieser nichtabgemilderten Form aufzuschreiben. Quasi ohne Vernebelungsmittel (wenn man von einer Zigarette einmal absieht). Einfach so. Und sie wird die Gegenwehr ebenso entgegennehmen. Quasi unvernebelt. Nicht weil sie unvernebelt kommen wird, sondern weil sie selbst in mehr als zwanzig Jahren übt, mit einem quasi unvernebeltem klarem Blick zu schauen und zu nehmen, was ihr offeriert wird. Oder eben klar und deutlich abzulehnen, was sie nicht möchte. Gegenwehr mag sie. Solange sie nicht verletzt, stärkt sie. Alle Beteiligten.

Wie wäre es, wenn wir Kindern das Ja- und Neinsagen lehren würden. Durch Vorbild und durch die Tatsache, dass wir ihre Neins akzeptieren und so den Weg zu ihren Jas befreien würden? Wie wäre es, wenn wir Kindern den Weg in ihr eigenes Wesen weisen würden? Wie wäre es, wenn wir selbst das Innen als größeren Maßstab nähmen als das Außen, die Anderen, das Übliche? Wie wäre es, wenn wir sie lehrten, dass sie selbst es sind, die ihr Leben mit Inhalt füllen und zwar gemäß ihrer Eigenarten und Vorlieben? Wie wäre es, wenn wir sie lehrten, auch sogenannte negative Gefühle auszuhalten? Einfach auszuhalten. In dem Bewusstsein, dass sie sich von selbst verabschieden werden, wenn wir ihnen einmal Raum gaben und sie nicht „wegtrinken“, uns sehnsuchtsvoll aus der eigenen Welt beamen oder sie ausagieren?

Ist es nicht so, dass uns die Kinder und Jugendlichen mit ihren Reaktionen auf das, was sie in der Welt antreffen einen Spiegel vorhalten? Hat es schon jemals etwas genützt, den Spiegel zu zerdeppern oder auf ihn einzureden, wenn uns das Bild nicht gefiel, das wir sahen? Wurde das Bild von uns schöner, weil wir dem Spiegel erklärten, dass er so etwas nicht zeigen soll?

Würde es also nützen, wenn auf allen Flaschen mit Alkoholinhalt in Anlehnung an die kommenden „Zigarettenbildchen“ Bilder von kotzenden, schwankenden, prügelnden, sehnsüchtigen, darniederliegenden Menschen ohne Leber (man beachte das Wort, das solche Ähnlichkeit mit dem Wort LebeN hat oder auf einen LebeR, also einen lebendig Lebenden hinweisen könnte), also von AlkoholLEICHEN klebten? Natürlich nicht! Meint die Liese, die sich bei diesem Thema in Rage reden und schreiben kann und es heute auch einmal getan hat.

Wie sähe wohl ein Straßenfest aus, bei dem auf Konsum gänzlich verzichtet würde. Wie wäre es, wenn man dort nichts aber auch gar nichts kaufen könnte? Keine Dinge, keine Speisen, keine Getränke (außer Wasser) und keine äußeren Vergnügungen. Was täten die Menschen miteinander? Was sprächen sie miteinander? Wie verhielten sich Eltern mit ihren Kindern und umgekehrt?  Wie sähe solch ein Fest aus?


Lieschen fände ein solches Experiment einmal interessant. Ob ein solches Straßenfest Besucher rekrutierte? Oder blieben die Anwohner ob der zu erwartenden Langeweile lieber mit einem Bierchen auf dem Sofa vor ihren Fernsehern?





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Kommentare:

  1. O Lieschen! Hier kann ich jedes Wort unterstützen, das geht mir runter wie Öl.
    Ein klares und wunderbares Statement, bei dem ich jede Gegenwehr nicht verstehen könnte.
    Es kann nicht nur um immer neue, schärfere Gesetze gehen, die dann doch nicht eingehalten werden.
    Wir alle sind gefragt, unser Verhalten zu überdenken.
    Lieschen, du hast die Gründe für das Verhalten der Jugendlichen sehr gut aufgezeigt und deine Fragen treffen es auf den Punkt. Es geht nicht nur darum, die gefahren des Alkohols aufzuzeigen, sondern die jugendlichen brauchen Perspektiven, müssen die Gelegenheit haben, in sich selbst hineinzutauchen und ihre Beziehung zur Welt hinterfragen lernen. All das ist ein langer, kontinuierlicher Prozess, der in unserer Gesellschaft kaum stattfindet.Es mangelt an wirklichen Vorbildern, an Grenzen, aber auch an Entfaltungsmöglichkeiten, die eine befriedigung aus sich selbst heraus garantieren.
    Und ja: Kinder haben kaum noch Frustrationstoleranz, können nichts aushalten. Wen wundert es, wenn sie von Klein auf lernen, dass alle Bedürfnisse sofort befriedigt werden - auf eine Art, die sich an äußeren Dingen und dem Materiellen orientieren.
    Das Gedankenspiel um das Experiment - es wäre wirklich interessant.
    Haben wir vielleicht alle verlernt, uns gemeinsam zu freuen, ohne Konsum und fragwürdigen Angeboten und Sensationen?

    Ich hoffe, dass deine Ausführungen viele lesen und sich auch solche Gedanken machen. Danke!
    Lieben Gruß in den Tag
    Enya

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  2. Liebe Brigitta,
    letzteres würde geschehen. Niemand wäre da - oder fast NIEMAND.
    Ich unterstreiche jedes deiner Worte. Saufen macht vielleicht für den Moment die Welt etwas schöner, aber dann kommt der Katzenjammer.
    Und ich sage jetzt etwas sehr Frivoles: So ging einstmals das Römische Reich unter. Es wurde nur noch gefeiert und gesoffen. Ich muss so oft daran denken. Vielleicht etwas weit hergeholt - aber nicht von der Hand zu weisen.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht dir
    Irmi

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  3. Eine flammende Rede liebes Lieschen, die ich dick unterstreiche.

    Alkohol ist eine legale Droge und inzwischen altagstauglich geworden. Egal wo man ist, sie wird angeboten. Inzwischen ist es in den meisten Zügen verboten, früher wurde schon morgens dort Bier getrunken. Eltern geben ihren Kindern ein schlechtes Beispiel, denn es gehört zum Fernsehabend dazu wie die Chips usw.
    Es gibt viele Menschen, die wissen gar nicht, dass sie abhängig sind.
    Bei den Kids ist es noch schlimmer, ich habe es oft erlebt in den Schulen. Das wird aber nicht besser werden, obwohl ich oft denke, es wird weniger geraucht inzwischen, vielleicht kommt das mit dem Alkohol auch noch.
    LG Geli

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  4. Liebes Lieschen,
    ich finde deinen Eintrag bezaubernd. Habe gestern schon den Bericht der Grete gelesen und war ganz gepannt auf deine Antwort.
    Zugegeben, damit habe ich nicht gerechnet. Aber es gefällt mir darum vermutlich umso mehr!
    Endlich sind nicht mal nicht nur die perspektivlosen Jugendlichen schuld, sondern die "Vorbilder", die sich ihre schuld so gut wie nie eingestehen.
    ...da muss ich auch damänst was zu schreiben^^

    LG

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  5. Lieschen, du hast alles gesagt, dem ist nichts mehr hinzu zufügen !
    Ich nicke bei jedem Satz deines Post zustimmend.
    Aber es stimmt mich traurig und auch hilflos, man weiß, wo der Hase im Pfeffer verborgen liegt, aber wer und was unternimmt was dagegen ?
    Ich habe es bei meinen beiden Töchtern vorgelebt, wie es sein soll und es hat geklappt. Trotzdem glaube ich nicht, dass man nur den Eltern Schuld geben kann, wenn bei den Jugendlichen was schief läuft, es ist einfach die Zeit !!!
    Ich muss wie Brigitta schreibt, auch daran denken, wie der Verfall all der hohen Kulturen vorn sich ging, schon ähnlich unserer heutigen Zeit heute,oder ?
    Noch eine schöne Woche
    Jutta




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