Dienstag, 17. September 2013

Lieschen erzählt über Hilfsbereitschaft, Hilfe und eigene Kraft

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 52 ---> guckst du hier

(Info für die, die es noch nicht wissen: Lieschens Antwort auf Gretes abendlichen Tagesbericht erscheint ab sofort nicht mehr unbedingt am gleichen Tag, aber spätestens bis zum nächsten Mittag)


Wenn der Herr Heinevetter vor Hermanns Augen hingefallen wäre, dann hätte er Glück gehabt und die Grete hätte gestern nicht über fehlende Hilfsbereitschaft schreiben müssen. Der Hermann ist nämlich unerschrocken, auch angesichts erschreckender Ereignisse. Jedenfalls meistens. Jedenfalls mitten in der Situation. Hinterher sieht es manchmal ein bisschen anders aus.

Neulich kam er von einem seiner üblichen Spaziergänge aus dem an Wochentagen relativ menschenleeren Park ziemlich aufgelöst zurück. Noch bevor Lieschen ihn fragen konnte, was passiert war, sagte er immer wieder „ach hätte ich doch mein Handy mitgenommen“ und „ab sofort nicht mehr ohne Telefon … auch wenn ich nur kurz draußen bin“. Der Hermann macht nämlich keine langen Spaziergänge. Niemals. Er geht ganz oft am Tag ein bisschen raus. Kurze Wege. Das gefällt ihm. So wie all die Jahre mit dem Hund. Kleine Ründchen. Dafür oft. Das macht er seit er nicht mehr raucht. Hätte er sich früher für ein kurzes Päuschen auf die Terrasse gesetzt, so wie Lieschen das heute noch macht, geht er heute mal eben um den Block oder in den Park. So wie an diesem Tag, an dem er beschloss niemals mehr ohne Handy vor die Tür zu gehen und diesem alten Mann begegnete. Glücklicherweise.

Er saß, so erzählte der Hermann der Liese mit ganz schmutzigem Mantel auf einem Mäuerchen an einem menschenleeren Weg. Weit und breit niemand. Nur der Hermann. Als der an ihm vorbeikam fragte der Mann ganz höflich, ob er ihm bitte helfen könne. Er hätte was mit dem Herzen und er glaubt ins Krankenhaus zu müssen. Weil der Hermann aber nun kein Telefon dabei hatte, musste er seinerseits nach Hilfe Ausschau halten. Kein Mensch zu sehen und das nächste Sträßchen mit den Häusern viele Schritte entfernt. Also fragte er den Mann, ob er eben warten könne, während er ein Telefon suchen ginge. Das wollte der Mann in seiner Angst aber nicht, also stützte der Hermann ihn bis in die Nähe des ersten Hauses und setzte ihn dort wieder auf eine Mauer. Dann hatte er seine liebe Müh und Not ein Haus zu finden, dessen Bewohner zu Hause waren und auch noch bereit, die Tür zu öffnen.

Gottseidank ist alles gut ausgegangen. Irgendwann fand er jemanden, der den Rettungsdienst benachrichtigte. Der kam bald, brachte den alten Mann ins nächstgelegene Krankenhaus  und offensichtlich geschah letztlich alles doch noch perfekt und rechtzeitig.

Dieser Mann sah in seinem schmutzigen Mantel auch ein bisschen wie ein Penner aus. Sagt der Hermann. Doch kam das wohl von den Stürzen, die er infolge seines unwohlen Herzens schon hinter sich hatte. Dem Hermann war das Aussehen des Mannes allerdings völlig schnuppe.

Das Lieschen ist froh, dass es beherzte Menschen wie Hermann gibt, die sich nicht fürchten oder lange Gedanken machen, sondern einfach zupacken. Kein Urteil. Sondern einfach eine angemessene Tat.

Aber man hört so viel in den Medien, denkt das Lieschen. So oft berichten sie über Helfer, die selbst in Not geraten. So oft wird über die Fälle berichtet, in denen irgendetwas schiefgelaufen ist. Ganz selten nur hört das Lieschen von Fällen der Zivilcourage oder Hilfe, die gutgegangen sind. Würden positive Nachrichten die potenzielle Hilfsbereitschaft der Menschen hervorlocken?

Lieschen könnte nicht so empört sein wie der Heinevetter und die Grete. Sie versteht auch die Menschen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, zurückhalten. Vielleicht trauen sie sich die Hilfeleistung nicht zu? Vielleicht haben sie selbst sehr große Angst? Vielleicht. Vielleicht.

Dass Herr Heinevetter in seiner zunächst hilflosen Position, auf dem Boden liegend, Angst hatte, das kann das Lieschen gut verstehen und dass ihm nicht gefiel als Penner bezeichnet zu werden, ebenfalls. Dass er aber übersieht, dass er im Grunde gar keine Hilfe brauchte und es ihm offensichtlich glücklicherweise gelungen ist, aus eigener Kraft aufzustehen, stimmt die Liese nachdenklich.




Montag, 16. September 2013

In der Ruhe liegt die Kraft

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 51 ---> guckst du hier

(Neuerung: Lieschens Antwort auf Gretes abendlichen Tagesbericht erscheint ab sofort nicht mehr unbedingt am gleichen Tag, aber spätestens bis zum nächsten Mittag)

Das Lieschen ist ganz gerührt über den schönen Empfang, den der Heinevetter der Grete bereitet hat. Wie gut, dass gleich jemand zur Stelle war, dem sie von ihren Erlebnissen berichten konnte.  „Aber hoffentlich hat die Grete sich auch erholt“ denkt die Liese nach diesem aufregenden Bericht. Lieschen sorgt sich ein bisschen, dass die Grete nicht genügend Bewegung an der frischen Luft bekommen hat. Die Berta hatte damit ja offensichtlich nicht so viel am Hut. Ob sie sich vielleicht ein Fahrrad gemietet hat? Oder ob sie vielleicht auch ohne die Berta ein wenig in der schönen Landschaft durch das herrliche Wetter gewandert ist?

Lieschen selbst reist ja am liebsten alleine. Da muss sie auf niemanden Rücksicht nehmen und vor allem muss sie keine Absprachen treffen. Was hat sie da nicht schon alles erlebt. Ganze Tage hat sie damit verbracht, auf ihre Mitreisenden zu warten, weil die nicht gesagt hatten, was sie planten. Ganze Vormittage hat sie damit zugebracht, mit den anderen darüber zu verhandeln, wer nun was mit wem macht. Wo gegessen wird. Was gegessen wird. Welche Besichtigungen anstehen und  wann man sich wo wieder trifft, falls die Gruppe sich trennt.

Lieschen liebt klare Rahmen und sie liebt ihre Freiheit. „Von…bis zur freien Verfügung. Treffen um…“ ist ihr bei Gruppenreisen am liebsten. Dann weiß sie, wo sie dran ist. Dann genießt sie die Zeit, die den Stempel „du darfst tun, was du möchtest, ohne dass es den anderen etwas nimmt oder sie belästigt“ trägt. Lieschen ist gerne alleine. Und manchmal ist sie gerne mit anderen unterwegs. Immer alles zu seiner Zeit. Gerne geplant und manchmal auch gerne ungeplant.

So ist sie vor Jahren am Ende einer ihrer üblichen Alleinereisen durch Indien in Bombay (heute Mumbay) am Flughafen angekommen und entdeckte auf einer der riesigen Tafeln im Terminal den Hinweis, dass ihr Flug nach Frankfurt gecancelt sei. „Och“ dachte sie nach ihrer entspanneten Reise und stellte erst einmal in Ruhe ihre Tasche ab. „Ach du meine Güte! … so ein Drama! … Katastrophe! …“ und noch mehr dröhnte es um sie herum. Ihre potenziellen Mitreisenden wuselten von Schalter zu Schalter. Schimpften. Brüllten. Machten viel Alarm.

Lieschen, die ja nur für sich, ihr Wohlbefinden und ihren Rückflug zuständig war, machte sich in Ruhe ein Bild von der Situation. Sie erfasste, dass es außer einer Übernachtung in Bombay noch die Möglichkeit gab, zu versuchen, kostenlos mit einem anderen Flieger mitgenommen zu werden. Eine sympathische und interessante Lösung, fand unser Lieschen und begann, die Terminals der anderen Fluggesellschaften abzuklappern. Ruhig und entspannt wie sie war, zog sie andere potenzielle Mitreisende an und schon bald waren sie 8 Personen, die auf den Wartelisten dreier anderer Flugzeuge nach Frankfurt standen. 
Sie organisierte, dass das Gepäck aller Acht so in der Halle gesammelt wurde, dass alle drei Terminals von dort aus überblickt werden konnten und vor allem, dass man sie von den Terminals aus ebenfalls sehen konnte. 
Jeweils zwei Personen im Wechsel bewachten das Gepäck und alle anderen waren so in der Lage, sich während der Wartezeit frei und ohne Ballast im Flughafen zu bewegen. Ab und an fragte jemand dieser zufällig zusammengewürfelten Gruppe in Ruhe und sehr freundlich an den Terminals nach und ließ sich in gleicher Ruhe bis kurz vor den Abflug vertrösten.

Und natürlich kam es wie es kommen musste. Es gab tatsächlich einen Flieger, der in letzter Sekunde noch 8 freie Plätze hatte. Nonstop Bombay-Frankfurt. Sie wurden alle samt Gepäck in die Kabine gedrängt und waren fünf Stunden vor der geplanten Zeit des Fliegers, der, wenn er geflogen wäre eine Zwischenlandung gemacht hätte, in good old Germany. Während die aufgeregten, schimpfenden Menschen vermutlich immer noch schimpften und vor allem warteten.

Solche Gemeinschaftsaktionen  liebt das Lieschen.

Und dass sie die Türen öffentlicher Toiletten niemals abschließt, muss sie vermutlich nun nicht mehr explizit erwähnen. Was Gretes Berta erlebt hat, hält sie für einen wahrscheinlichen Katastrophenfall, den sie in aller Ruhe im Vorfeld ausschließt.





Montag, 9. September 2013

Sonntag, 8. September 2013

Lieschens Gepäckneurose und noch mehr

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 50 ---> guckst du hier

Das ist ja eine Überraschung fürs Lieschen. Das Fräulein Grete Meier fährt in Urlaub. Ganz plötzlich. Für eine Woche. „Gut so“ denkt das Lieschen nachdem es sich von der Überraschung und dem Kofferpackbericht erholt hat. „Gut, dass Berta Kalts Freundin krank geworden ist und die Grete für die Freundin einspringen soll.“ Das Lieschen macht sich nämlich schon länger ein bisschen Sorgen um die Grete. Die arbeitet immer so viel und gönnt sich außer mittwochs  keine wirklichen Ruhezeiten. 
Schon manchmal hat die Liese zu ihr gesagt „du solltest mal in Urlaub fahren. Gönn dir mal echte Erholung“. Aber die Grete ist nicht so gut darin, sich auszuruhen oder einfach etwas zu tun, was nur für sie selbst ist. Immer denkt sie an die anderen. Wie die wohl zurechtkommen, wenn sie nicht da ist. Und wenn sie das dann so hin und her überlegt, stellt sie sich selbst wieder hinten an und sagt „ach, weißt du, Lieschen, Urlaub kann ich auch demnächst noch machen.“

Und jetzt hat das Leben selbst organisiert, dass die Grete fährt. Freundin krank. Keine Zeit zum Überlegen und Grete erweist mit ihrem Urlaub der Frau Kalt auch noch einen Gefallen. Gutes Leben, du.

Über Gretes Art den Koffer zu packen hat sich das Lieschen natürlich vor Lachen ausgeschüttet. Schon alleine die Beschreibung von dem großen Koffer. Lieschen selbst ist ja eine Gepäckneurotikerin. Wenn sie verreist nimmt sie immer den gleichen Koffer. Der ist ganz klein. Flugzeughandgepäckgröße. Wenn sie den ganz voll macht hat sie maximal 10 Kilo Gepäck. Egal wie lange das Lieschen unterwegs sein will. Mehr nimmt sie nicht mit. Schließlich will sie ja beweglich sein. Und mehr als diese 10 Kilo kann sie ohne Mühe nicht auf Laufbänder, in Züge oder auf Treppen transportieren. Und Mühe soll so eine Reise ja nicht machen. Findet jedenfalls die Liese.

Neulich hat sie mitten in der Nacht ein Ehepaar am Bahnhof getroffen. Sie selbst hatte ihr Miniköfferchen für eine Woche Süden im Winter dabei. Die beiden hatten jeder einen Riesenkoffer. Lieschen vermutete eine Überseereise, die mindestens einen Monat dauern würde. Aber nein. Die beiden waren unterwegs zu einer DREITÄGIGEN Reise nach Dresden. Die Frau sagte „man weiß ja nie, was man so braucht.“ Und der Mann fügte hinzu „sogar ein Pfund Kaffee hat sie eingepackt.“ 
Sie unterhielten sich während der Fahrt zum Flughafen so angeregt über das Leben, die Vorsorge und das, was man im Leben wirklich braucht, dass sie beinahe vergessen hätten am Ziel aus der Eisenbahn auszusteigen. Solche Gespräche mag das Lieschen. Und auch das Ergebnis, das sie wohl nicht beabsichtigt hat, das aber offensichtlich eingetreten ist. Denn vor nicht allzu langer Zeit hat sie die Frau dieser nächtlichen Fahrt auf der Straße getroffen. Die hat sie gleich wieder erkannt, sie als die Frau mit dem kleinen Koffer angesprochen und gesagt „bei der nächsten Reise lasse ich auch das meiste zu Hause. Ich habe so gut wie nichts aus dem Koffer gebraucht. Den kleineren habe ich schon gekauft.“ Solche Rückmeldungen freuen die Liese. Auch wenn sie es niemals darauf anlegen würde.

Und jetzt ist sie ganz froh über Gretes Urlaub. Sie ist schon jetzt gespannt, welche neuen Eindrücke und Ideen sie mit nach Hause bringen wird. Auf den Bericht freut sie sich schon jetzt. Es geht doch nichts über einen Tapetenwechsel, über einen Ausbruch aus dem täglichen Einerlei. „Das wird der Grete gut tun“ bekräftigt sie noch einmal. „Und auch dem Chef und der Hausgemeinschaft“ schiebt sie hinterher, „die wissen die Grete hinterher wahrscheinlich noch ein bisschen mehr zu schätzen.“

Und auch sie selbst freut sich schon auf ihre Rückkehr. Wünscht ihr aber erst einmal einen wunderbaren Urlaub! 



Samstag, 7. September 2013

Lieschen mag den Markt - aber nicht seine Steigerung


Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 49 ---> guckst du hier

Teure Raffaellos isst das Lieschen ja niemals. Nicht wegen des Preises und auch nicht weil die ja nicht vegan sind. Da macht sie schon mal Ausnahmen. Sie kann sie gar nicht essen, weil sie keine Sonnenterrasse, keinen Butler und auch keine weiße Kleidung hat. Das braucht Frau nämlich dafür. Das hat die Liese aus der Werbung gelernt. Da erklären die das genau. In Bildern. Die kleinen braunen Dinger von der gleichen Firma lässt sie sich auch nie mitbringen. Dafür bräuchte sie magnetische Kaffeetassen. Hat sie auch nicht.

Werbung mag das Lieschen. Da lernt man ja was. Riesensupermärkte, in denen man den Kopf und auch den Einkaufswagen verlieren kann, so wie die Grete heute, kann sie nicht ausstehen. Gar nicht! Da kauft sie auch nicht ein. Da könnte der Kühlschrank noch so sehr über die viele kalte Luft stöhnen, die nichts zu tun hat. Einen solchen Supermarkt betritt sie nicht. Muss sie Gottseidank auch nicht. Denn dafür hat sie Hermann. Das ist praktisch, findet sie. Der liebt Supermärkte. Je größer desto besser. Und der liebt das Einkaufen von Lebensmitteln. 
Die Liese muss nur alles auf einen Zettel schreiben und dann fährt er los. Mit dem Fahrrad oder mit der Saxonette. Je nach Menge. Der Hermann ist auch immer gut vorbereitet. Den Chip für den Wagen hat er in einem Extrafach im Portemonnaie. Den muss der niemals suchen. Und ER legt ihn nach dem Einkauf auch immer wieder dahin zurück. Das bewundert die Liese. Sie würde ihn wahrscheinlich in irgendeine der Tüten werfen. Nach dem Ausräumen der Lebensmittel in der Küche bliebe der vielleicht in einer Tüte zurück oder sie würde ihn auf den Tisch legen und immer wieder beiseiteschieben, wenn sie den Platz bräuchte. In solchen Dingen ist das Lieschen nicht so ordentlich. Muss sie aber auch nicht sein. Denn sie braucht ja keine Chips für den Einkaufswagen.

So etwas gibt es ja auf dem Markt gar nicht. DA geht das Lieschen gerne einkaufen. Sie ist für Obst und Gemüse vom Markt zuständig. Das mag sie. Wenn das zu Ende geht, dann schnappt sie sich ihr „Zebra“, den schwarzweißgestreiften Hackenporsche mit den großen Rädern, die auch mit Kopfsteinpflaster prima zurechtkommen, und latscht in Richtung Marktplatz. Sie macht das ganz gemütlich. Sowohl den Weg dahin als auch den Weg durch die Gänge an den schönen bunten Ständen vorbei. Wie sie so ist, guckt sie sich alles genau an und hält auch schon mal an Ständen, an denen sie gar nichts kaufen möchte, einfach nur um ein interessantes oder besonders skurriles Gespräch zu belauschen oder um sich einzumischen. Das kommt natürlich auch vor.

Jetzt im Sommer besucht sie den Markt hauptsächlich für Obst und Eier. Eier darf der Hermann nämlich nicht mehr im Supermarkt kaufen. Das Lieschen hat vor einiger Zeit ein Video von angeblichen Biohühnern, die angebliche Supermarkt-Bioeier legen, gesehen und die hatten KEINE Federn mehr. Das fand sie ganz schrecklich. Jetzt kauft sie die Eier bei einem Bauern, der die Hühner kennt, die die Eier gelegt haben, weil es seine sind. Das Lieschen fragt jedes Mal, ob sie immer noch Federn haben. Wenn er ja sagt, ist sie beruhigt und isst sie dann auch gerne. Auch wenn das einer veganen Ernährung natürlich widerspricht. Sie liebt Regeln. Und sie liebt die Ausnahmen. So ist sie.

Aber zurück zum Sommer. Gemüse muss sie im Sommer kaum welches kaufen. Das wächst im Garten. Einfach so. Auf kleinem Grund. In großer Menge. Das findet das Lieschen ein großes Wunder. Der Hermann nicht so. Der gießt die Pflanzen nämlich jeden Abend. Ohne zu murren. Das hilft. Nicht nur dem Wachstum der Pflanzen.
Jeden Morgen bewundern die beiden, das Lieschen und ihr Hermann die Pflanzen mit ihren Blüten und Früchten und den Bienchen mittendrin. Dann freuen sie sich. Auch an der Zucchinischwemme. Jedes Jahr wieder.

Ein bisschen, denkt das Lieschen, ein bisschen Gemüse könnte die Grete doch in Töpfen auf ihrem Balkon ziehen. Dann müsste sie Manches nicht mehr so stressig im Supermarkt einkaufen. Und wenn sie mal nicht zum Gießen käme, könnte doch der Herr Heinevetter mal kurz übers Mäuerchen springen und es für sie tun. Sie wird ihr das gleich mal vorschlagen. Wenn sie anruft und ihre Haferflockenkekse knabbert.




Freitag, 6. September 2013

Für so etwas hat das Lieschen keine Geduld

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 48 ---> guckst du hier


Dem Lieschen ist das egal, was die Leute über sie wissen. So eine Girokonteröffnung am Schalter der Postbank inklusive Publikum, das in der Folge eine Menge unnützer Informationen sein eigen nennen könnte, wäre ihr vielleicht sogar Recht. Spart wahrscheinlich eine Menge Geld. Grete sagt ja, dass das Konto kostenlos ist. Und es spart vermutlich auch noch jede Menge Zeit! Das wäre dem Lieschen in diesem Fall das Wichtigere. Nicht dass sie keine Zeit hätte. Nein. Zeit hat sie wie eigentlich alle Menschen genug. 24 Stunden am Tag. Aber mit Zeugs verplempern, das sie nervt, möchte sie diese Zeit keinesfalls.

Lieschen wollte neulich auch ein Girokonto eröffnen. Bei der Sparkasse. Dass das eine Menge monatlicher Gebühren kostet hat sie gewusst. Für die Übersichtlichkeit wollte sie aber ein zusätzliches Konto. Die Filiale ist bei ihr in der Nähe. Und das wollte sie. Für den Notfall. Also war sie schon im Vorfeld mit den Gebühren einverstanden. Und mehr gab es ja eigentlich nicht zu entscheiden. Dachte sie.
Um also nichts von ihrer wertvollen Zeit zu verplempern hat sie bei der Sparkasse angerufen. Hat gesagt, dass sie ein Girokonto eröffnen möchte. Eins für Privatkunden und gefragt, ob sie sofort vorbei kommen könne. „Aber nein!“ hieß es am anderen Ende der Leitung. „Ich glaube Frau XY ist bereits im Urlaub und ob sie eine Vertretung hat, weiß ich gar nicht.“ 
„Uih Uih Uih“, dachte unsere Liese schon zu diesem Zeitpunkt, „eine Schulung für telefonierende Mitarbeiter sollte bei dieser Bank ganz oben auf der Todo-Liste stehen“. Es kam aber noch besser. „Das Beste ist, ich verbinde Sie – obwohl die meisten ja gerade in der Pause sind.“ Lieschen glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, hob an, etwas wie „ach heben Sie doch ihre Konten für Leute auf, die sich gerne verarschen lassen wollen“, aber sie wurde schon mit Popmusik beschallt und hatte kein offenes Ohr mehr am anderen Ende der Leitung.

Um es kurz zu machen - das Lieschen möchte ja die Geduld der LeserInnen nicht auf eine ähnliche Probe stellen wie die, die das Leben ihr schenkte - es dauerte, aber sie bekam einen Termin für den nächsten Tag. Namen und wesentliche Angaben zur Person und zum gewünschten Konto machte sie bereits am Telefon. 
Zum Hermann sagte die Liese in ihrer Naivität  „die haben ja alle meine Angaben, vermutlich ist bereits alles vorbereitet, ich unterschreibe rasch und dann bin schnell wieder zu Hause.“ Da hatte das Lieschen aber die Rechnung ohne die Bank gemacht. Als sie zur vereinbarten Zeit in der Filiale eintraf, fand sie jemanden, dem sie nach einiger Zeit von ihrem vereinbarten Termin berichten konnte und der sagte „ach ja. Nehmen Sie da vorne Platz, die Frau Sowieso ist noch im Gespräch.“ So etwas liebt das Lieschen. Termin. Und dann warten. "Haben die Leute denn keine Uhren. Können die sich denn keine Zwischenminütchen in ihre Kalender schreiben. Können die das Gespräch denn nicht straffen, wenn sie wissen, dass die für dieses Gespräch vorrätige Zeit gleich durch die Sanduhr gelaufen ist, können die denn nicht …?" Als sich ihre Gedanken überschlugen und sie kurz davor war, die Geschäftsstelle unverrichteter Dinge zu verlassen – erhoben hatte sie sich schon und in Richtung Ausgang hatte sie sich auch bereits gedreht, kam „ihre Kundenberaterin“. Halb so alt wie das Lieschen. Führte sie zu „ihrem Platz“ und begann irgendeinen Smalltalk mit ihr. Auch das hätte wieder gedauert, vermutete die Liese also unterbrach sie die Dame freundlich aber bestimmt und wies auf ihr Anliegen hin.

Auch hier macht es die Liese wieder kurz. Viel kürzer als es sich zutrug. Auf dem Schreibtisch gab es einen riesigen Stapel Formulare. Keines davon war bereits ausgefüllt. Auf das gestrige Telefonat deutete lediglich ein Schmierzettel, auf dem Lieses Name falsch geschrieben war.
Sie wollte ein Girokonto. NUR EIN GIROKONTO! Und die Kundenberaterin stellte ca. eine Milliarde Fragen zu ihren Gewohnheiten in Sachen Geld, pries ihr Unternehmen in den höchsten Tönen, machte sich große Sorgen um Lieschens Altersvorsorge, ihren Versicherungsstand und noch so vieles mehr, das, als das Lieschen sich bereits wieder erheben wollte, in dem wunderbaren Satz endete „Die Informationen sind nötig, damit wir ihnen den besten Service ever geben können.“
 „Dann geben Sie mir ein Girokonto!“ hauchte das Lieschen mit letzter Kraft. Und die Dame verstand. „Sie wollen also nur ein Girokonto?“ „Ja.“ „Ok. Dann fangen wir an.“ Als die Dame an ihrem Schreibtisch doch noch die wichtige Frage hinzufügte „und Sie sind sicher, dass Sie keine weiteren Beratungen wünschen?“ hat die Liese den Ort des Grauens einfach wortlos verlassen.

Hermann fand, sie war lange weg und sie sehe schlecht aus. Als sie begann ihm Ausschnitte der Geschichte zu erzählen klingelte das Telefon und die Dame von der Bank versuchte es tatsächlich mit der Frage „Warum?“

Lieschen versteht nicht, dass Institute wohl in der Lage sind, ihren Angestellten enormen Druck zu machen, ihnen aber keine kundenorientierten guten Ausbildungen zukommen lassen. Oder wenigstens solche Mitarbeiter aussuchen, die in der Lage sind, Kundenaussagen zu verstehen, zu akzeptieren und dann auch noch genau darauf eingehen. So kann das doch nicht klappen.



Donnerstag, 5. September 2013

Lieschen, Grete, Tanz und Gesang

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 47 ---> guckst du hier


Lieschen liebt das Leben auf dem Boden. Also liebt sie auch Picknicks. Sie hat es gerne, wenn alles ganz ursprünglich zugeht. Und sie liebt Geselligkeit. Natürlich nicht immer. Aber manchmal. Und dann kostet sie das voll aus. So wie gestern.

Wie gut, dass das Mittwochs-Stammcafé gestern geschlossen hatte und die Grete auf die prima Idee gekommen ist, ihr gewohntes Treffen auf ungewohntes Terrain zu verlagern. Eine Wiese. Die Wiese am Fluss. Dort war Lieschen schon manches Mal. Alleine. Dann hat sie sich abseits aufgehalten und den Menschen beim Leben zugesehen. Den Alleinstehenden, den Pärchen, den Grüppchen und den Familien. Sie hat geschaut, was sie tun und was sie nicht tun. Und rausgehalten hat sie sich. Immer.

Gestern ging das nicht. Gestern sind Grete und Liese quasi adoptiert worden von einer türkischen Großfamilie. Vier Generationen. Mit Stühlchen und Tischen, Decken und allem, was man für ein südländisches Picknick so braucht. Viele Menschen, viel Essen und viele Getränke, angenehme Temperaturen und eigentlich auch Ohrenschützer. Südländer sprechen nämlich alle gleichzeitig und laut. Naja. Nicht alle. Aber die netten Leute von gestern haben Lieschens Vorurteil tatsächlich alle Ehre gemacht.

In verschiedenen Sprachen haben sie gesprochen. Laut gesprochen. So gesprochen, dass die Liese manchmal dachte, sie streiten sich. Als sie erschrocken nachfragte, wurde ihr jedes Mal versichert, dass alles in bester Ordnung sei. Lieschen brauchte die Erklärung, weil sie die Alten nicht verstand. Die sprachen natürlich türkisch, die nächste Generation sehr gebrochenes Deutsch und die Jüngeren ziemlich gutes Deutsch. Hier geboren und kontaktfreundlich zu sein, hilft natürlich sehr.

Beide. Grete und Liese haben es genossen, die Geschichten aus der türkischen Heimat zu hören, die für alle ja in weiter Ferne ist und die sie immer noch so nennen, auch wenn die meisten schon in Deutschland geboren wurden. Die Gerüche, die Sprache, die Gewohnheiten. 
Ein bisschen schwer ist es hier, sagten die Alten am Abend in ihrer Sprache und die Jungen sorgten dafür, dass unsere beiden Damen davon Kenntnis bekamen. Sie sagten, dass ihnen manchmal das Verständnis ihrer Gastgeber dafür fehle. Sie seien im Grunde gerne hier, sagten sie, doch seien manche Gewohnheiten der Deutschen dermaßen ungewöhnlich für sie, dass sie sich trotz des langen Aufenthalts hier immer noch ein wenig schwer damit täten. Sie wollten sich immer integrieren. Aber manche Hürde ließe sich einfach nicht oder erst durch die Jungen überwinden.
Dass die Grete und das Lieschen dafür Verständnis zeigten, wurde mit großem Hallo und üblichem „Lärm“ honoriert.

Sie haben miteinander gegessen, getrunken, getanzt und gesungen. Die türkischen Lieder kannten die Grete und das Lieschen nicht. Doch die Texte sollten sie verstehen. Also bekamen sie deutsche Zusammenfassungen. Sehnsucht und Wiederkehr kam oft darin vor. Eins handelte von der letzten Reise, die sie selbstverständlich in die Türkei unternehmen werden. Im Sarg. Jedenfalls die Alten. Begleitet von den Jungen zum letzten Fest. Heimaterde bleibt Heimaterde.


Es war ein schöner Tag mit der fast integrierten türkischen Familie, die die beiden deutschen Damen völlig selbstverständlich integriert hat. 





Dienstag, 3. September 2013

Lieschen träumt von einem alten Arzt

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 46 ---> guckst du hier

Während des Lesens von Gretes Tagesbericht wird das Lieschen immer blasser und glaubt von Zeile zu Zeile mehr, dass es in ihrem Rücken ebenfalls zieht. Stark zieht. Sehr stark zieht. Nicht so schlimm wie bei der Grete, aber das könnte noch schlimmer werden. So ist die Liese nämlich. Erzähl ihr von einer körperlichen Krankheit und sie bekommt sie. Also nicht wirklich. Aber beinahe. Also so schlimm, dass sie als Helferin im Grunde ausfällt. 

Wie gut dass die Grete den Herrn Heinevetter mit seinem Späherblick und den neuen Nachbarn hatte. Die Liese wäre ihr, wie gesagt, keine Hilfe gewesen. Gut, natürlich hätte sie sie stützen können und selbst in ihrem hypochondrischen Zustand hätte sie zur Apotheke laufen können, aber wehe, ihr wäre dort ein Notfall begegnet und hätte ihr in allen Einzelheiten sein körperliches Problem geschildert. Vielleicht wäre sie gar nicht mehr zur Grete zurückgekommen.

Die Liese selbst würde natürlich niemals von Hypochondrie in ihrem Fall sprechen. Sie sagt, sie fühlt extrem stark mit dem Leidenden, der berichtet, was er hat. Die Menschen erzählen nämlich am liebsten was sie HABEN. Auch den Ärzten erzählen sie heutzutage was sie haben. Das hätte ein Arzt aus früherer Zeit gar nicht hören wollen. Der fragte seine Patienten „was fehlt ihnen?“ und war damit, wie die Liese meint, auf einer guten Spur. Wäre damals jemand zu ihm gekommen und hätte gesagt „hallo, ich habe Schmerzen, Hexenschuss heißen die“ hätte er vielleicht gelächelt und gesagt „dann ist es also Beweglichkeit die fehlt“.

So ein Arzt aus den Geschichtsbüchern, in denen das Lieschen gerne liest, hätte vielleicht noch Zusammenhänge erahnt zwischen der Psyche und dem Körper. Der hätte vielleicht auch ein Schmerzmedikament für den ersten Moment gegeben, aber die rigorose Benennung nach Krankheitskatalog hätte er sich vielleicht verkniffen oder noch gar nicht gekannt. Solche Sachen hat die Liese jedenfalls schon manches Mal gelesen. Und sie stellt sich vor, dass dieser Arzt aus alter Zeit, in der es noch Zeit für Patienten gab, vielleicht mit dem Menschen, der offensichtlich problembeladen in seine Praxis gekommen war, ein wenig geredet hätte. Über Beweglichkeit im Allgemeinen und Besonderen. Über die Umstände zu Hause. Über Sorgen, die der Patient möglicherweise hat. Im Falle des unteren Rückens hätte er vielleicht in Richtung materieller Sorgen gefragt und vermutet, dass es dem Menschen auch auf diesem Gebiet an Beweglichkeit fehlen könnte. Kurzum. Er hätte sich Zeit genommen, gute Fragen gestellt, dem Patienten die Möglichkeit gegeben zu Erkenntnissen zu kommen und dann hätte er sich vielleicht die Wirbelsäule ohne Geräte, aber mit Kennerblick angesehen und ein bisschen Hand angelegt. Zur Unterstützung, so träumt die Liese weiter, hätte er dann wohl ein paar Kräuter gemischt, jemanden gerufen, der den Patienten nach Hause begleitet, diesem ein paar Anweisungen mit auf den Weg gegeben und hätte sich ziemlich sicher sein können, dass er diesen im Moment leidenden Mitmenschen schon in ein paar Tagen quietschvergnügt auf dem Marktplatz sehen wird.

Mag sein, denkt die Liese nach diesem Traum, an den sie so gerne glauben möchte, dass es das doch niemals gab und es immer schon wie heute war. Hexenschuss aha. Spritze. Orthopäde. Kommt es häufig vor, Operation. Der Nächste bitte.

Lieschen weiß ja an sich, dass sie Gretes Hexenschuss nicht hat und sie ahnt auch, dass der Arzt morgen nicht besonders viel Zeit für sie erübrigen kann. Also macht das Lieschen jetzt das, was sie kann. Sie wird aufstehen, zum Telefon gehen, die Grete anrufen und sie wird all die Fragen stellen, die der antike Arzt ihrer Fantasie gestellt hätte. Beginnen wird sie mit "Ach, was fehlt dir denn?" Und dann wird sie der Grete zuhören. Auch wenn die erst mal nur stöhnt. Sie wird warten. Zeit hat sie ja. Vielleicht wird ihr das helfen. Wer weiß. Möglich isses.



Montag, 2. September 2013

Lieschen und der Tic

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 45 ---> guckst du hier

Lieschen schüttelt den Kopf und wundert sich doch im Grunde schon lange über nix mehr. Eine @schlandkette in den Farben der belgischen Flagge mit eigenem Twitteraccount, aus dem so wunderbare Sätze geboren wurden wie „Mir ist langweilig“, eine Kanzlerin, die diese Kette trägt und Gretes Heidi Seelig, die aufgrund dieser Kette, die sie für besonders teuer hält, ihre Wahlentscheidung getroffen hat. Na dann, Prost Mahlzeit, denkt die Liese und regt sich besonders über die Einfallslosigkeit des angeblichen Designers auf. Zehn gleich geformte längliche Perlen auf einem Faden. Doll! Das Lieschen hat noch gestern Nacht eine echte @schlandkette gebastelt. Eine in der Feuer ist. Eine mit Abwechsung. Es gibt nämlich Perlen in unterschiedlichen Formen möchte sie den Designern, Kanzlerinnen und Bildleserinnen dieser Welt entgegenrufen.

Langeweile kann die Liese gar nicht vertragen. Nicht im Fernsehen, nicht im Leben und nicht bei Schmuck. Erst dachte sie, sie würde die Kette am Wahlsonntag tragen. Ein wunderbarer Anlass, fand sie. Doch dann schreckte sie mitten in der Nacht von dem Gedanken auf, mit Kette sähe sie wie eine Merkelwählerin aus. DAS will sie natürlich keinesfalls. „Mist“, dachte sie im darauf folgenden Halbschlaf. „Mist.  Jetzt habe ich eine Kette, die ich nicht gebrauchen kann. Wieder so ein Ding, das nur rumliegt, Platz vergeudet, Staub fängt und immer mal von rechts nach links gelegt wird.“ So etwas kann die Liese noch weniger leiden als Langeweile. 

Schon am frühen Morgen hat sie begonnen, darüber nachzudenken, wem sie die Kette geben könnte. Normalerweise findet sich schnell jemand, der Lieses ausrangierte Dinge mag und haben möchte. Es gibt ja ne Menge Menschen, die es lieben, auch solche Dinge zu besitzen, die sie einfach nur schön finden, aber im Grunde nicht brauchen können. „Nun ja“ dachte unsere Liese „wird sich schon jemand finden“, hat sich ein bisschen hübsch gemacht und ist los marschiert. 

Ihr Ziel war der Marktplatz der Kleinstadt, in der sie lebt. Mitten drauf hat sie sich gestellt und erst einmal eine Zeitlang den Menschen beim Gehen zugesehen. Dann hat sie sich ein Herz gefasst und eine freundlich schauende Dame angesprochen. Sie hat ihr kurz die Entstehungsgeschichte der Kette erzählt und sie dann der bis dahin interessiert  Zuhörenden als Geschenk angeboten.  Eigentlich eine einfache Sache. Hätte gut gehen können. Es wäre ja möglich gewesen, dass die Dame einfach „JA, nehme ich gerne“ oder „NEIN, möchte ich lieber nicht haben“ gesagt hätte. Dann wäre das Lieschen entweder froh gewesen und hätte sie ihr gegeben oder sie hätte gewusst, wo sie dran ist und hätte weiter nach einer Zubeschenkenden gesucht. Aber nein. Es kam anders. 

Die Dame schrie. Nicht ein bisschen. Nicht nur mal kurz. Sie schrie sehr laut und lange. So laut und lange, dass sich schon bald eine Traube Menschen um das Lieschen und die Dame bildete, deren Geräusche den gellenden Schrei fast übertönten. Es begann ein wildes Diskutieren um einen Sachverhalt, den ja nicht einmal die zunächst Beteiligten wirklich einschätzen konnten. Die Dame schrie, die Menschenmenge teilte sich in die, die annahmen, das Lieschen hätte die Frau bedroht und die, die annahmen, die Dame hätte ein Problem, das völlig unabhängig vom Lieschen sei. Die zweite Gruppe teilte sich noch einmal in solche, die annahmen, Liese sollte der Frau helfen und die anderen, die ihr verhaltenes Verhalten eindeutig richtig fanden.

Plötzlich endete der Schrei. Die Dame schüttelte sich ein wenig und schaute erstaunt in die Runde. Sie sagte „entschuldigen Sie bitte, das passiert manchmal. Das ist ein Tic, der keinen Anlass braucht. Zufall.“ Und zur Liese gewandt fügte sie hinzu „vielen Dank für ihr Angebot. Die Kette gefällt mir gut, aber ich habe keine Verwendung dafür“, drehte sich um, bahnte sich einen Weg durch die Menge und verschwand.
Das immer noch umringte Lieschen hielt die Kette in die Höhe, brachte aber keinen Ton mehr heraus. Der erlebte Zufall war ihr doch nahe gegangen. Und so erfuhr niemand mehr von der Möglichkeit, die lebendige Version der @schlandkette sein Eigen nennen zu können. Die immer noch diskutierende Menge löste sich auf und Lieschen schluffte nach Hause.

Im Laufe des Tages hat sie wohl wieder zu ihrer alten fröhlichen Form zurück gefunden. Nur das Problem mit der Kette, die sie nicht brauchen konnte, hatte sich leider noch nicht gelöst. 

Erst jetzt. Nachdem sie mit dieser Antwort auf Gretes Tagesbericht fast zum Ende gekommen ist, fällt ihr auf, wie wunderbar doch Heidi Seeligs entbrannte Liebe zu dieser Kette ist. IHR kann die Liese ihr schwarzrotgoldenes Machwerk schenken. Wunderbar! 
Also fackelt sie nicht lange, setzt sich auf Hermanns Saxonette und rast zur Grete. Die ist dann so nett und spendiert der Kette noch eine hübsche Verpackung. Beide schreiben in großen Buchstaben „Für Heidi Seelig“ aufs Paket und Lieschen sinkt erschöpft auf einen Stuhl. 
Das war ein anstrengender Tag.






Sonntag, 1. September 2013

Lieschen im Stress

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 44 ---> guckst du hier

Lieschen muss heute ganz schnell sein. Gottseidank hat sich die Grete heute mit ihrem Tagesbericht nicht verspätet. Er kam um 19 Uhr. Wie immer. Und die Liese hat ihn schnell gelesen. Ein bisschen schneller als  sonst. Obwohl sie ja für das Schreiben und Posten ihrer Antwort eigentlich niemals länger als eine Stunde braucht. Also wird sie es schaffen. Also würde sie es auch heute schaffen. Auch wenn sie selbst tippen würde. „Aber nein“ sagt sie ein bisschen hysterisch „du tippst. Ich diktiere. Das geht schneller.“ Sie will nämlich pünktlich sein. Zum Kampf der Kämpfe. Zum Tatortersatz im Ersten. Samt Countdown. Ja. Einen Countdown gibt es auch. Auf jedem übertragenden Sender. Das Lieschen ist wirklich aufgeregt. Sie vergisst das Diktieren und so erzähle ich, wie sonst sie von sich selbst, in der dritten Person.

Sie weiß nicht, wie sie das alles koordinieren soll. Also erst mal ist es ja leicht.  Den Countdown und das Duell im Ersten. Dazu hat sie sich schon entschieden. Mit dem Computer auf dem Schoß wird sie die Liveticker mit einem Auge verfolgen. Das wird klappen. Dann hat sie schon mal mehr als nur ihre Meinung. Aber dann! Alle Sender sind brechend voll mit Experten, die der Liese erzählen wollen, wie es war. Alle werden das Duell nachbereiten. Alle. Und die Liese hat doch nur einen Fernseher. „Schlimm“ sagt sie, „das ist schlimm“. Ich gebe zu bedenken, dass sie sich ja selbst ein Urteil bilden kann. Hat sie früher doch schon bewiesen, dass sie dazu in der Lage ist. "Jaaa doch!“ sagt sie, „ja doch! Aber ich will doch nicht wissen, was meine Meinung ist. Mich interessiert, was als Meinung verkauft wird.“ 

Jaja. So ist sie, die Liese. Immer an den Hintergründen und dem Gesamtbild interessiert. Wenn sie ihr ein Making-off des Duells mit Aufnahmen aus der Kanzlerinnen- und der Herausfordererkabine zeigen würden,  würde sie sich das ansehen. Ob es das bei RTL vielleicht sogar gibt? Mit witzigen Livekommentaren von der australischen Hängebrücke. Überhaupt wäre doch klasse, wenn gleich heute Abend einer der beiden zum Kanzler gewählt werden würde. Direkt vom Chipsessenden Publikum. 19 Cent aus dem Festnetz, Mobil kann ein bisschen teurer sein. Jeder Anruf zählt. „Dann hätten wir es hinter uns“ meint die Liese. Könnte sich ruhig in die Länge ziehen heute Abend. Immer wieder Werbepausen, in denen schön angerufen werden kann. „Das wärs!“ jubiliert die Liese. Kein umständliches Sichvomsofaerheben. Kein Notwendigkeit das Bier und die Chips aus der Hand zu legen, die Schuhe anzuziehen und den enormen Weg in die nächstgelegene Schule, die am Wochenende in drei Wochen kurz mal Wahllokal heißt, könnten sich auch alle sparen. DAS wäre DIE Idee gegen diese Wahlmüdigkeit der Leute. So käme es zu Wahlbeteiligungen, von denen die Parteien im herkömmlichen Verfahren nur träumen können. 

Gut. Es müsste ein paar Einspieler geben, die die Emotionen anheizen. Also ein bisschen was fürs Herz müsste schon vorkommen, das macht den Griff zum Telefon leichter. So wie damals bei Joey Heindle oder an dem Tag als Frau Merkel und Herr Steinbrück gemeinsam am Wochenende ohne irgendeine Legitimation im Kanzlerinnenamt vor die Kameras getreten sind und miteinander in schönster Eintracht, den Eindruck erwecken wollten und auch haben, dass die Spareinlagen sicher seien. Ob die Formulierung „WIR SAGEN ... , die Spareinlagen sind sicher …“ auch von beiden zusammen ausgeheckt wurde? 

„Naja“ sagt die Liese, der nun doch wieder einfällt, worum es heute Abend geht. „Naja … wird schon klappen mit dem Duell heute Abend. An sich müssten die ja heute gegeneinander antreten.“ Das Lieschen seufzt. Sie kann es sich im Grunde doch nicht vorstellen. Ruft sich aber zu Ordnung. Schließlich will sie heute antrainierte Gestik, auswendig gelernte Statements und den ganzen üblichen Schmuh geliefert bekommen. Und mitten in diesem Theater wartet sie dann auf den einen Versprecher, auf den einen kleinen Fehler, der den geplanten Ausgang wendet und der dann breit getreten werden kann von all den geifernden Journalisten, die sich in dem Fall die Hände reiben  und laut jubilieren würden.

Wie gut, dass die Grete heute dieses Thema gewählt hat. So hatte das Lieschen Gelegenheit, ihre Aufregung in dieser Antwort ein bisschen abzureagieren. Sie ist tatsächlich ruhiger. Ist rechtzeitig fertig. So dass sie noch Zeit hat, dem Hermann Beruhigungstee zu kochen. Den braucht der nämlich, wenn die Merkel den Mund aufmacht. Und die Grete wird sie auch noch eben anrufen, um ihr und Herrn Heinevetter viel Vergnügen zu wünschen. „Kommt ja nur alle vier Jahre mal vor. Dieses Event. Lasst es uns  genießen“ wird sie sagen.

Und während sie denkt, dass sie hinzufügen könnte „möge der Bessere gewinnen“ lacht sie sich kaputt.