Dienstag, 3. September 2013

Lieschen träumt von einem alten Arzt

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 46 ---> guckst du hier

Während des Lesens von Gretes Tagesbericht wird das Lieschen immer blasser und glaubt von Zeile zu Zeile mehr, dass es in ihrem Rücken ebenfalls zieht. Stark zieht. Sehr stark zieht. Nicht so schlimm wie bei der Grete, aber das könnte noch schlimmer werden. So ist die Liese nämlich. Erzähl ihr von einer körperlichen Krankheit und sie bekommt sie. Also nicht wirklich. Aber beinahe. Also so schlimm, dass sie als Helferin im Grunde ausfällt. 

Wie gut dass die Grete den Herrn Heinevetter mit seinem Späherblick und den neuen Nachbarn hatte. Die Liese wäre ihr, wie gesagt, keine Hilfe gewesen. Gut, natürlich hätte sie sie stützen können und selbst in ihrem hypochondrischen Zustand hätte sie zur Apotheke laufen können, aber wehe, ihr wäre dort ein Notfall begegnet und hätte ihr in allen Einzelheiten sein körperliches Problem geschildert. Vielleicht wäre sie gar nicht mehr zur Grete zurückgekommen.

Die Liese selbst würde natürlich niemals von Hypochondrie in ihrem Fall sprechen. Sie sagt, sie fühlt extrem stark mit dem Leidenden, der berichtet, was er hat. Die Menschen erzählen nämlich am liebsten was sie HABEN. Auch den Ärzten erzählen sie heutzutage was sie haben. Das hätte ein Arzt aus früherer Zeit gar nicht hören wollen. Der fragte seine Patienten „was fehlt ihnen?“ und war damit, wie die Liese meint, auf einer guten Spur. Wäre damals jemand zu ihm gekommen und hätte gesagt „hallo, ich habe Schmerzen, Hexenschuss heißen die“ hätte er vielleicht gelächelt und gesagt „dann ist es also Beweglichkeit die fehlt“.

So ein Arzt aus den Geschichtsbüchern, in denen das Lieschen gerne liest, hätte vielleicht noch Zusammenhänge erahnt zwischen der Psyche und dem Körper. Der hätte vielleicht auch ein Schmerzmedikament für den ersten Moment gegeben, aber die rigorose Benennung nach Krankheitskatalog hätte er sich vielleicht verkniffen oder noch gar nicht gekannt. Solche Sachen hat die Liese jedenfalls schon manches Mal gelesen. Und sie stellt sich vor, dass dieser Arzt aus alter Zeit, in der es noch Zeit für Patienten gab, vielleicht mit dem Menschen, der offensichtlich problembeladen in seine Praxis gekommen war, ein wenig geredet hätte. Über Beweglichkeit im Allgemeinen und Besonderen. Über die Umstände zu Hause. Über Sorgen, die der Patient möglicherweise hat. Im Falle des unteren Rückens hätte er vielleicht in Richtung materieller Sorgen gefragt und vermutet, dass es dem Menschen auch auf diesem Gebiet an Beweglichkeit fehlen könnte. Kurzum. Er hätte sich Zeit genommen, gute Fragen gestellt, dem Patienten die Möglichkeit gegeben zu Erkenntnissen zu kommen und dann hätte er sich vielleicht die Wirbelsäule ohne Geräte, aber mit Kennerblick angesehen und ein bisschen Hand angelegt. Zur Unterstützung, so träumt die Liese weiter, hätte er dann wohl ein paar Kräuter gemischt, jemanden gerufen, der den Patienten nach Hause begleitet, diesem ein paar Anweisungen mit auf den Weg gegeben und hätte sich ziemlich sicher sein können, dass er diesen im Moment leidenden Mitmenschen schon in ein paar Tagen quietschvergnügt auf dem Marktplatz sehen wird.

Mag sein, denkt die Liese nach diesem Traum, an den sie so gerne glauben möchte, dass es das doch niemals gab und es immer schon wie heute war. Hexenschuss aha. Spritze. Orthopäde. Kommt es häufig vor, Operation. Der Nächste bitte.

Lieschen weiß ja an sich, dass sie Gretes Hexenschuss nicht hat und sie ahnt auch, dass der Arzt morgen nicht besonders viel Zeit für sie erübrigen kann. Also macht das Lieschen jetzt das, was sie kann. Sie wird aufstehen, zum Telefon gehen, die Grete anrufen und sie wird all die Fragen stellen, die der antike Arzt ihrer Fantasie gestellt hätte. Beginnen wird sie mit "Ach, was fehlt dir denn?" Und dann wird sie der Grete zuhören. Auch wenn die erst mal nur stöhnt. Sie wird warten. Zeit hat sie ja. Vielleicht wird ihr das helfen. Wer weiß. Möglich isses.



Kommentare:

  1. Ach liebe Brigitta,
    einen solchen Arzt gibt es nicht mehr. Hat es ihn denn wirklich mal gegeben? Heute geht alles wie am Fließband. Maximal 3 Minuten pro Patient. Hoffentlich geht es unserer lieben Grete morgen wieder besser. Sicherlich hat du ihr mit deinem Telefonat wieder Mut gemacht.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

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    1. Ja, liebe Irmi, 3 Minuten pro Patient! Da wundert man sich nicht mehr, dass die Krankheiten bestenfalls noch verwaltet werden können.

      danke dir wieder fürs Lesen!
      lieben Gruß
      Brigitta

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  2. Was mir fehlt? Bei Rückenschmerzen würde ich nie Beweglichkeit antworten. - Klasse!!!
    Ich habe bei einem tollen Arzt früher gearbeitet und meine neue Ärztin hat sich wirklich viel Zeit genommen, mich auf den Kopf gestellt und x Fragen gestellt, die mit meinem akuten Problem oberflächlich gesehen gar nichts zu tun haben. Also, es gibt sie noch, die Ärzte zu denen man vertrauen fassen kann - aber das schnelle weiterüberweisen zum Orthopäden kann ich bestätigen...
    liebe Grüße und allen mit Rücken und sonstigem: Gute Besserung

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    1. OH ... das ist eine gute Nachricht! Eine Ärztin, die Fragen stellt und sich offensichtlich ein bisschen Zeit nimmt ...!

      DANKE für diese Meldung! :-)))

      lieben Gruß
      Brigitta

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  3. O Lieschen! Wie wunderbar du den Bogen spannst von Gretes Problem hin zu den uns alle angehenden Problemen heutzutage!

    Der Mensch wird nicht mehr als Ganzes gesehen, als ein Wesen mit Psyche, Körper, Umfeld, Lebensbedingungen, sondern reduziert auf ein "Ding", das aus teilen zusammengesetzt ist.
    Zeit ist in der Tat ein Mangel bei den Ärzten und ich denke, viele würden es gern anders handhaben. Aber auch sie sind eingebunden in einen Apparat der Bürokratie. Meine Tochter (Ärztin) leidet da sehr drunter.

    Manchmal findet man sie noch, diese Ärzte, die ein bisschen so sind, wie in Lieschens Traum. Aber da muss man schon suchen - und die zeit hat man ja oft nicht....

    Vor allem aber ist Lieschen einfühlsam und sie weiß auch einzuschätzen, dass sie in diesem falle Grete gar nicht so gut unmittelbar hätte helfen können.
    So tut sie gut daran, mit Grete zu reden und ihr die richtigen Fragen zu stellen.

    Das allein hilft oft mehr als jede Medizin (zumindest auf lange Sicht hin gesehen). Ich denke, Grete sollte schon zum Nachdenken kommen, ob da nicht im Hintergrund ein kleines Problem liegt...

    Wieder super!
    lg
    Enya

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  4. Danke! Danke! Enya ... deine Kommentare sind wirklich wunderbar. Du hast wirklich eine unnachahmliche Art wirklich "IN die Texte reinzulesen" ... Doll!

    Ja. Mir ist klar, dass die Ärzte auch vor (fast) unlösbaren Problemen stehen, die vom "System" verursacht sind.
    Und ich beneide keinen einzigen von ihnen. Deine Tochter hat mein Mitgefühl! Das ist bestimmt furchtbar, wenn man den Menschen, die sich vertrauensvoll an einen wenden, nicht so helfen kann wie man könnte und wollte.

    Herzlichen Dank dir
    und lieben Gruß!
    Brigitta


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  5. Da muss ich der Liese mal wieder voll zustimmen: die Suche nach dem Fehlenden bleibt immer mehr auf der Strecke, auf der der Mensch einfach zu funktionieren hat - systemkonform sozusagen.
    Über deinen Kommentar zu "slowing down" hab ich mich übrigens ganz besonders gefreut!
    Ganz liebe Grüße
    Christiane

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))