Donnerstag, 5. September 2013

Lieschen, Grete, Tanz und Gesang

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 47 ---> guckst du hier


Lieschen liebt das Leben auf dem Boden. Also liebt sie auch Picknicks. Sie hat es gerne, wenn alles ganz ursprünglich zugeht. Und sie liebt Geselligkeit. Natürlich nicht immer. Aber manchmal. Und dann kostet sie das voll aus. So wie gestern.

Wie gut, dass das Mittwochs-Stammcafé gestern geschlossen hatte und die Grete auf die prima Idee gekommen ist, ihr gewohntes Treffen auf ungewohntes Terrain zu verlagern. Eine Wiese. Die Wiese am Fluss. Dort war Lieschen schon manches Mal. Alleine. Dann hat sie sich abseits aufgehalten und den Menschen beim Leben zugesehen. Den Alleinstehenden, den Pärchen, den Grüppchen und den Familien. Sie hat geschaut, was sie tun und was sie nicht tun. Und rausgehalten hat sie sich. Immer.

Gestern ging das nicht. Gestern sind Grete und Liese quasi adoptiert worden von einer türkischen Großfamilie. Vier Generationen. Mit Stühlchen und Tischen, Decken und allem, was man für ein südländisches Picknick so braucht. Viele Menschen, viel Essen und viele Getränke, angenehme Temperaturen und eigentlich auch Ohrenschützer. Südländer sprechen nämlich alle gleichzeitig und laut. Naja. Nicht alle. Aber die netten Leute von gestern haben Lieschens Vorurteil tatsächlich alle Ehre gemacht.

In verschiedenen Sprachen haben sie gesprochen. Laut gesprochen. So gesprochen, dass die Liese manchmal dachte, sie streiten sich. Als sie erschrocken nachfragte, wurde ihr jedes Mal versichert, dass alles in bester Ordnung sei. Lieschen brauchte die Erklärung, weil sie die Alten nicht verstand. Die sprachen natürlich türkisch, die nächste Generation sehr gebrochenes Deutsch und die Jüngeren ziemlich gutes Deutsch. Hier geboren und kontaktfreundlich zu sein, hilft natürlich sehr.

Beide. Grete und Liese haben es genossen, die Geschichten aus der türkischen Heimat zu hören, die für alle ja in weiter Ferne ist und die sie immer noch so nennen, auch wenn die meisten schon in Deutschland geboren wurden. Die Gerüche, die Sprache, die Gewohnheiten. 
Ein bisschen schwer ist es hier, sagten die Alten am Abend in ihrer Sprache und die Jungen sorgten dafür, dass unsere beiden Damen davon Kenntnis bekamen. Sie sagten, dass ihnen manchmal das Verständnis ihrer Gastgeber dafür fehle. Sie seien im Grunde gerne hier, sagten sie, doch seien manche Gewohnheiten der Deutschen dermaßen ungewöhnlich für sie, dass sie sich trotz des langen Aufenthalts hier immer noch ein wenig schwer damit täten. Sie wollten sich immer integrieren. Aber manche Hürde ließe sich einfach nicht oder erst durch die Jungen überwinden.
Dass die Grete und das Lieschen dafür Verständnis zeigten, wurde mit großem Hallo und üblichem „Lärm“ honoriert.

Sie haben miteinander gegessen, getrunken, getanzt und gesungen. Die türkischen Lieder kannten die Grete und das Lieschen nicht. Doch die Texte sollten sie verstehen. Also bekamen sie deutsche Zusammenfassungen. Sehnsucht und Wiederkehr kam oft darin vor. Eins handelte von der letzten Reise, die sie selbstverständlich in die Türkei unternehmen werden. Im Sarg. Jedenfalls die Alten. Begleitet von den Jungen zum letzten Fest. Heimaterde bleibt Heimaterde.


Es war ein schöner Tag mit der fast integrierten türkischen Familie, die die beiden deutschen Damen völlig selbstverständlich integriert hat. 





Kommentare:

  1. Liebe Brigitta,
    ich habe es schon bei Frl. Grete gesagt: Gut, dass der Ball auf den Kuchen gefallen ist.
    Und an der Gastfreundschaft sollten wir uns öfter mal ein Beispiel nehmen.
    Aber wenn man es recht bedenkt, können wir uns auch nicht an alle Gepflogenheiten von ihnen gewöhnen. Da ist gegenseitiges Verständnis angesagt.
    Einen schönen Abend wünscht
    Irmi

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    1. Hallo liebe Irmi,

      herzlichen Dank dir so dermaßen treuer Leserin!!!
      Eine große Freude ... :-)))

      Ja. Das ist alles wie im "echten" Leben. Ohne Verständnis klappt gar nix im menschlichen Zusammenleben.

      lieben Gruß
      Brigitta

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  2. "quasi adoptiert worden" klingt gut.
    hab einen feinen tag.
    liebst ninja

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  3. Ja, so kann sie aussehen, die Integration und für diese Momente scheinen dann die Hürden, die diese Menschen hier begleiten ziemlich klein.
    Spontan, ohne nachzudenken, hier mitzumachen, "adoptiert" zu werden, bewirkt sicher auch, dass so manche Schranke gar nicht aufgebaut wird und man offener ist - von beiden Seiten.
    Ein Verstehen kann wohl nur über das Erleben erfolgen, den Austausch und seien es auch "nur" kulinarische Genüsse und Musik.
    Manchmal vergessen wir, dass die Gewohnheiten unserer ausländischen Mitbürger nicht nur für uns fremd sind, sondern dies auch umgekehrt gilt. Und dass man sicher in umgekehrter Situation die Heimat auch vermissen und die Sehnsucht nicht aufgeben würde.

    Ich finde, das war ein tolles Erlebnis für alle und zuweilen frage ich mich, warum wir es uns oft so schwer machen mit dem Verstehen, dem Tolerieren,dem aufeinander Zugehen.

    Sehr gut geschrieben, so, dass man sich als Leser richtig wohl gefühlt hat.

    Lieben Abendgruß
    Enya

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  4. Liebe Enya,

    ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist als Fremder in der Fremde zu leben und bei allem Bemühen, um erfolgreiches Integrieren, bleiben immer ein paar unüberwindliche Details.

    Deine Einschätzung, dass sich der Leser beim Lesen dieses Beitrags so richtig wohlfühlen kann, ist mir eine besondere Freude!

    Danke!
    lieben Gruß
    Brigitta

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))