Dienstag, 6. August 2013

"Eigentlich kein Thema" sagt sich die Liese dann

Lieschen färbt nicht. Jedenfalls nicht die Haare. Die sind ihr wurscht. Weißes Haar hat sie zu einem Zeichen der Weisheit erklärt und trägt es mit Selbstverständlichkeit durch ihr Leben. Mittlerweile. Obwohl ihr die Grete immer mal wieder Fotos vor die Nase hält, auf denen sie rote, lilane, gesträhnte und sonst irgendwie bunte Haare hat, ihren verträumten Blick bekommt und sagt „guck, Liese, das war doch SO schön!“ Sie will dann wissen, warum sie es nicht wenigstens noch einmal mit Farbe probiert und bietet ihr sogar an, die Färberei auf Lieschens Kopf zu übernehmen. Denn das kann sie, die Grete. Das Färben. Besser als ihre Sonja, die nur für das Schneiden zuständig ist.

Das Lieschen zieht sich dann jedes Mal ein bisschen mehr in sich zurück und sucht nach Worten, die `nein´ ausdrücken, aber nicht so einsam da stehen und weniger hart klingen. An anderen ist der Liese die Haarfarbe wurscht. Sie mag die gesamte Farbpalette auf den Köpfen ihrer Mitmenschen. Nur sie selbst möchte nicht mehr abhängig vom Terminkalender sein. Auch nicht wegen eines irgendwie gearteten Ansatzes, der dann in kürzester Zeit angeblich `nicht mehr geht´.

Bis jetzt hat das Fräulein Grete immer wieder locker gelassen und neulich hat sie sogar gesagt „sieht eigentlich ganz schön aus, dieses weißgrau deiner Haare. Ein bisschen so als hättest du es extra gefärbt“. Das hat die Liese gefreut. Denn Komplimente, und als solches hat sie Gretes Aussage gewertet, bekommt sie gerne. Nur verbiegen möchte sie sich dafür nicht. Da ist sie eigen. Und als Grete noch hinzugefügt hat, dass ihr die Kombination von diesem neutralen Haar mit der farbenfrohen Kleidung unseres Lieschens im Grunde mittlerweile gar nicht so schlecht gefällt, haben Lieses Augen geleuchtet und sie war direkt ein bisschen glücklich über diese freundliche Einschätzung. Vor allem, weil sie dafür nichts verändern musste. Sie mag es, sich so zu zeigen wie sie jeweils glaubt zu sein.

Wenn Lieschen dann doch mal vor dem Spiegel steht, ihr Gesicht im Vergrößerungsspiegel nach Fältchen absucht und in Detektivmanier zusätzlich das Ding ganz nah an ihren 55jährigen Hals hält, der in ihren Augen geschwind zu einer wahren Kraterlandschaft wird und sie dann ihre Oberarme untersucht, feststellt, dass „alles“ gruselig schwabbelt und sie niemals wieder in der Öffentlichkeit Pfeffer mit Schmackes aus einem Streuer auf ihr Essen schütteln kann, ohne dass es eine Beleidigung für die Augen der Mitamtischsitzenden wäre, dann, ja dann denkt sie kurz darüber nach, ob sie nicht doch wenigstens der Grete erlauben sollte, ihre Haare zu verjüngen.

Wenn sie dann aber in diesen kurzen Momenten der Unsicherheit, ihr Äußeres betreffend, dass ihr eigentlich nicht besonders beachtenswert erscheint, zufällig auf Hermann trifft, der ihr im Normalfall ansieht, `dass es wieder soweit ist´, dann sagt er, ohne dass sie noch den Mund zum Klagen geöffnet hätte „ach hör auf! Gefallen macht schön! Und mir Gefällste! Das muss reichen!“ Und das reicht der Liese, auch weil sie sich im Grunde ja selbst gefällt. So wie sie mittlerweile nun mal aussieht. Ein bisschen zerknittert, weißhaarig und nicht mehr ganz jung. „Eigentlich kein Thema“ sagt sie sich dann nach überstandener Minikrise. „Eigentlich kein Thema“ sagt dann auch Hermann.


„Eigentlich kein Thema“ wird sie bei dem nächsten Bunthaarfotogucken auch zur Grete sagen und die wird vermutlich verstehend lachen. Hauptsache Lieschen macht keine Witze über schokoladenbraune Farbe, die gut deckt und fragt nicht, wo denn ihre Augenbrauen geblieben sind.




Kommentare:

  1. "Seufz" - ja dieser Ansatz, der so gar nicht geht und der sich scheinbar über Nacht auf den Scheitel malt...
    Ich kann Lieschen verstehen, dass sie sich nicht mit diesen Problemen belasten möchte, auch nicht dem Diktat des Terminkalenders unterwerfen.
    Weißes Haar als Zeichen der Weisheit mit Selbstbewusstsein zu tragen, das imponiert mir.
    So widersteht Lieschen ja auch ihrer Freundin Grete, wenn diese ihr zum Färben rät. Aber sie weiß, dass die Grete sie so nimmt wie sie ist, dass die Haarfarbe keine Rolle spielt. Und das Kompliment von ihr ist Lieschen sicher mehr wert als alle anderen Komplimente über evt. rote, blaue, braune gesträhnte Haare, denn es ist ehrlich.
    Dass Lieschen sich dennoch ein wenig sorgt um Fältchen, schwabbelnde Unterarme, Furchen im Hals, macht ein wenig nachdenklich. Spiegelt das nicht den Trend der heutigen Zeit wider, in der Jugend und Schönheit einen solch hohen Stellenwert haben? Oder ist es ein wenig das Bedauern der verlorenen Jugend? Oder Beides?
    Es spielt doch keine Rolle. Da lobe ich mir Hermann, seine Sichtweise und vor allem seine Art, diese auszudrücken.
    Lieschen kann stolz sein, auf ihn, auf sich, auf Grete und ihre weißen Haare.
    Ob ich auch noch dahin komme, meine weißen Haare ohne Wenn und Aber zu präsentieren?
    Da sollte ich mir Lieschen als Vorbild nehmen. Irgendwie hat sie Recht.
    Und ihr NEIN auszudrücken, so, dass es nicht einsam dasteht (eine wunderbare Formulierung), kann sie lernen. Bei Grete braucht sie das ja nicht. Die versteht auch so.
    lg
    Enya

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  2. So treu und soooooo ausführlich, liebe Enya :-)))

    Nein ... kein Jugendwahn bei der Liese. Mit Schnitten und Botox und sonem Zeug ist nicht zu rechnen, so wie ich die Liese bislang kenne ... wohl nur ein bisschen Bedauern und Gewöhnen an das Alter ... :-)))

    DANKESCHÖN!!!!

    lieben Gruß
    Brigitta

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  3. vielen vielen dank für deinen lieben Kommentar bei mir!! bin ein bisschen verlegen.

    ich folge dir ja auch noch nicht soooo lange, aber lese immer fleißig, was es bir dir und grete so neues gibt. das richtige feierabendprogramm nach einen harten tag!!!

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  4. Liebe EmKa,

    gerne ... + vielen Dank fürs fleißige Lesen auch nach den harten Tagen.
    Das wird der Liese gefallen, dass sie zur Entspannung beiträgt. :-)))

    lieben Gruß
    Brigitta

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))