Dienstag, 20. August 2013

Lieschen, der Fleiß, die Zuversicht und die Abwesenheit von Beidem

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 34 ---> guckst du hier

Lieschen weiß nicht, was sie heute täte, wenn sie jung und ohne Ausbildung wäre. Die Zeiten sind anders als damals. Die Menschen sind anders als damals. Und auch die allgemeine Vergangenheit und Zukunft aus heutiger Sicht erscheinen ihr weniger rosig als damals.

Lieschen selbst hat in Zeiten des Aufbaus das Licht und Dunkel dieser Welt erblickt. Sie wurde auf dem Küchentisch gewickelt, der von Erspartem gekauft war, teilte lange das Bett mit ihren Eltern und wartete gemeinsam mit ihnen auf  den Tag, an dem sich das Geld für die Waschmaschine in Kleinstbeträgen angehäuft hatte, sie gekauft werden konnte und das echte Kochen der Wäsche im Keller endlich ein Ende hatte. Sie trank den Fleiß und die Zuversicht mit der Muttermilch, die sie nicht abgepumpt sondern direkt an der Bar bekam und auch in der Schule vermittelte man ihr den Eindruck, dass sich konsequentes Lernen eines Tages auszahlen werde.
Ihre Eltern wollten, wie viele Menschen dieser Generation, die als Kinder noch den Krieg erlebt haben und in zerbombten Städten groß wurden,  dass sie es einmal besser haben sollte. 
So ermöglichten sie ihr eine lange Schul- und Ausbildungszeit. Mit dem Abitur hätte sie sogar studieren können. Damals noch in Ruhe und mit der sehr wahrscheinlichen Aussicht auf Anstellung danach.

Doch die Liese hat eine Ausbildung gemacht. Das hat ihr nicht gefallen, doch es war leicht, eine Lehrstelle zu bekommen. Sie hatte mehrere zur Auswahl. Die Gewählte hat sie aufgrund ihrer Erziehung natürlich die erforderlichen zweieinhalb Jahre durchgehalten. Sie hatte Vorbilder, die fleißig waren und ihr musste nicht erklärt werden, dass man, nicht nur wegen des Geldes, aber auch dafür, arbeiten muss. Das hat sie damals nicht in Frage gestellt. Und zu ihrer Zeit, vor viel mehr als dreißig Jahren, wurden fast alle Azubis, wie sie damals hießen, auch übernommen.

Heutzutage ist das alles anders. Lieschen beobachtet das im Grunde mit Argwohn und ist froh, dass sie weder Kinder noch Enkelkinder durch diese Zeiten in ihr selbständiges Leben begleiten muss.

Sie hat Mitgefühl mit den Schülern von heute, die in einer Welt des Überflusses, den man leicht auf Kredit bekommt und sich selbstverständlich auch auf Kredit „holt“, aufwachsen. Sie kennt nicht viele Schüler, denen in der Schule Mut gemacht werden kann, dass es für sie danach gut weitergeht. Sie weiß von einigen Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Verwandtschaft keine berufstätigen Menschen mehr haben und in der Gewissheit aufwachsen, dass sie von Beruf natürlich ebenfalls Hartz IV werden. Wer will ihnen das verübeln? Denkt die Liese.

Wenn ein solcher Jugendlicher dann Kevin heißt und vom Arbeitsamt zu Gretes Herrn Heber in die Firma geschickt wird, muss er natürlich außer der dort verlangten speziellen Tätigkeit noch ganz andere Dinge lernen. Von der Pieke auf. Er wird vielleicht vom grundsätzlichen Wert von Arbeit nichts wissen. Er wird vielleicht keine wirkliche Kenntnis über den Zusammenhang von Arbeit, Geld und Konsum haben und er wird möglicherweise nicht arbeiten können, weil es ihm noch niemand vorgemacht hat, seine Muttermilch Hartz IV transportierte und seine Tage nicht regelmäßig strukturiert wurden.

In Herrn Hebers Haut möchte die Liese aber auch nicht stecken. Er, der offensichtlich einen anderen Hintergrund hat, braucht einfach verlässliche Kollegen, die ihn im Übermaß der anfallenden Arbeiten entlasten. Und doch könnte gerade er ein wunderbares Vorbild für den vom Amt geschickten Kevin sein, der doch so dermaßen viel zu lernen hat.


Lieschen wird die Grete gleich anrufen und sie ermutigen, Herrn Heber zu ermutigen, dem Kevin eine Chance zu geben und ihm das Vorbild zu sein, dass er braucht. Vielleicht können die Grete und die Liese ja im Gegenzug die Hebers mit dem kleinen Kind ein bisschen entlasten. Erholung muss ja auch sein.





Kommentare:

  1. Ich finde es schön, dass das Lieschen die Grete ermuntern wird, ihr Vorhaben umzusetzen, da bin ich doch ganz bei den beiden.

    Liebe Abendgrüße
    Regina

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  2. Ja, Regina, das finde ich auch schön.

    Herzlichen Dank für deine Zustimmung und überhaupt fürs Lesen!

    lieben Gruß
    Brigitta

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  3. Wir neigen dazu, die alten Zeiten zu loben und das Neue manchmal zu verteufeln. Ich höre mich schon wie meine Oma an.... Gute Gedanken die ich aber gewöhnt bin. Kevin wird es schaffen.

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  4. Lieschen, ich glaube du und Grete seid ein unschlagbares Paar.
    Ich wwerde euch begleiten. ls Verfolgerin habe ich mich schon mal eingetragen.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

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  5. Hallo Geli, stimmt, das ist eine weit verbreitete Neigung. Allerdings hat es das Lieschen sooo wohl nicht gemeint. Vermute ich :-)))
    Ich denke hier überwog das Mitgefühl mit den heutigen jungen Leuten. Was aber natürlich auch wieder die eigenen Vorteile hat. Ist halt anders.

    Ich bin ja selbst immer wieder erstaunt, was die Liese so erzählt ... (echt wahr) ... :-)))

    Danke, du Treue, du!

    lieben Gruß
    Brigitta

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  6. Hallo liebe Irmtraud,

    das ist ja Klasse! Herzlich Willkommen!

    Ich habe nun auch den Neckarstrand gefunden. Scheint sehr schön dort zu sein. Ich bin gespannt.

    lieben Gruß
    Brigitta

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))