Donnerstag, 8. August 2013

Lieschen, Grete und die Dame vom Nachbartisch

Weil das Fräulein Grete gestern zum ersten Mal ein bisschen später zum Kaffee kam, hatte die Liese Zeit, die Umgebung des Cafés, in dem sie sich seit Jahren mit ihrer Freundin trifft, einmal ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Von ihrem Stammplatz, im Grunde mitten auf dem Marktplatz, aus, betrachtete sie sich die umliegenden Läden. Alles bekannte Namen. Ableger der Giganten, die sich durch fast alle deutschen Groß- und Kleinstädte fressen. Lieschen setzte extra die Brille auf, um herauszufinden, ob es nicht wenigstens einen Laden gab, der nicht zu einer dieser Ketten gehörte, die quasi alle das Gleiche verkauften. Aber nein. Sie erspähte nicht ein kleineres, im Angebot abweichendes Lädchen. War das schon immer so? Überall Riesenleuchtreklamen, jede Menge Rundständer vor den Läden und Einheitszeugs. „Wer soll das alles kaufen?“ fragte sie sich. Offensichtlich laut. Denn die Dame vom Nachbartisch sagte „Naja. Geht ja schnell kaputt.“

Lieschen lachte und freute sich über die sehr ungewöhnlich gekleidete Dame am Nachbartisch. Strahlende, lebendige Augen hatte die. Sieht man nicht oft, dachte die Liese und sagte „Sie kaufen das doch auch nicht, oder?“ „Nein! Um Gottes Willen, nein! Ich will doch nicht aussehen wie alle.“ Und noch bevor Lieschen während des Hochziehens ihrer Augenbrauen eine weitere Frage formulieren konnte, fügte sie hinzu „ich lasse mir die Kleidung von einer Freundin anfertigen oder suche in Städten, die in Nebenstraßen noch besondere Lädchen haben. Ich brauche nicht viel. Das  Wenige soll aber sitzen, schön sein und nicht nach der ersten Wäsche im Müll landen müssen. Sie müssen wissen“ ging es weiter, „Sie müssen wissen, mich kotzt diese Verschwendung und Umweltzerstörung an. Ganz zu schweigen von dem Elend, das dieser völlig überflüssige Überfluss über die Arbeiter in den Herstellerländern und die Angestellten in den europäischen Filialen dieser gigantischen, ausbeuterischen Unternehmen bringt“. 
Ein Redefluss, dessen Ende nicht in Sicht war, der Dame aber gut zu Gesicht stand. „Von der Verschandelung der Städte, die man ja kaum noch unterscheiden kann, will ich gar nicht erst anfangen. Das muss sich ändern und bei den Verbrechen mache ich einfach nicht mit!“ Lieschen amüsierte sich. Sie mag es, wenn sich Menschen aus Überzeugung ruhig und bestimmt in Rage reden. Und außerdem hätte sie der Dame ja in allem zugestimmt, wenn sie gefragt worden oder wenigstens zu Wort gekommen wäre.
„Am Schlimmsten ist“ fuhr die fort „das die meisten Menschen in dieser Einheitskleidung geschossen aussehen. Gucken die sich denn niemals im Spiegel? Wissen die denn nicht, dass es keinen Einheitsmodezwang gibt?“ Jetzt geht’s aber los, dachte das Lieschen. Und als sie gerade beginnen wollte, die Käufer des Überangebots, das Mode genannt wird, zu verteidigen, kam die Grete mit ihrem Fahrrad um die Ecke gerast und begann noch während sie das Rad am Sonnenschirm festschloss, von Milchpulver, ner Drogerie, Frau Hebers und den Chinesen zu berichten. Das stoppte die Rede der Dame vom Nachbartisch. Die bestellte sich noch ein Sektchen, nickte kurz der Grete zu und tat dann so, als gäbe es etwas Interessantes schräg hinter der Grete und der Liese zu betrachten.

Vermutlich hatte sie aber sowohl Ohren als auch Augen mitten auf dem Tisch unserer Beiden liegen, wo eigentlich kaum noch Platz war zwischen den vielen Getränken, Kuchen und Salaten, die sie wie jeden Mittwoch nach und nach in den kurzen Rede- und Hörpausen verputzten.

Und doch muss es so gewesen sein, denn als die Grete ihr Geschenk unter Wahrung des ebenfalls selbst hergestellten Geschenkpapiers auf dem Schoß auswickelte und dann voll Freude in Höhe hielt, sprang die Dame vom Nebentisch auf, nahm Grete die Sonne und rief „WOHER HABEN SIE DAS? SO SCHÖN UND UNGEWÖHNLICH!“ Grete deutete überrumpelt und still auf Liese. Die Dame machte unmissverständlich klar, dass sie ein solches Shirt ebenfalls bräuchte, zu der Kette allerdings ein Armband fehlte und Grete, der ja nicht nur ein Armband, sondern auch die Vorgeschichte fehlte, verstand die Welt nicht mehr. 
Mag sein, dass das Fräulein Grete Meier am nächsten Mittwoch alles daran setzen wird wieder pünktlich zu kommen. Hoffentlich.


Kommentare:

  1. Nun habe ich es endlich geschafft euch zu abonnieren damit ich auch ja nichts verpasse.
    Was für ein schöner Nachmittag mit Kaffe Kuchen Salat usw. und dann die Oldietruppe am Nachbartisch. Eigentlich alles ganz normal oder doch nicht?
    Wie immer ein Highlight
    mit einem lieben Gruß Geli

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  2. Warst du nicht schon Abonnentin? :-)))

    Wie ich auch immer. Ich freu mich!
    Danke.

    lieben Gruß
    Brigitta

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  3. Sehr gelungen - sowohl das Geschenk für die Grete als auch dein Text, den ich mal wieder grinsend genossen habe:)))
    LG

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  4. *Lach ... Merci ... :-)))

    lieben Gruß
    Brigitta

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  5. Die Dame am Nachbartisch hat ja unbedingt Recht.
    Wie viele denken heute „clever kaufen....“ ohne eben zu denken, nachzudenken.
    Quantität statt Qualität, so scheint das Motto, einem „Einheits-Trendy-Look“ genügen zu wollen und das eben billig. Wegwerfsachen sind das, ja, und dahinter stehen die „Wegwerfmenschen“. Wenn man sich mal die Mühe macht, nachzuforschen, wie die Billigpreise in solchen Ladenketten zustande kommen, dann kann einem schlecht werden (50% Gewinn, 1% Lohnkosten).
    Und austauschbar sind sie, diese Ladenketten. Hier, in meiner Stadt, verschwinden sie manchmal, nur um an anderer Stelle wieder aufzutauchen, Die leeren Räume werden in kürzester Zeit wieder gefüllt mit neuen Einheitsprodukten und allzu viele kleine liebgewonnene Läden, die verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Traurig
    Ich kann verstehen, dass sich die Dame am Nachbartisch in Rage redet.
    Wie wunderbar, dass es Menschen wie Lieschen gibt, die solch schönes Unikat für ihre Freundin hergestellt hat. Der beste Lohn ist da sicher Gretes Freude.
    Hier nun freue ich mich mit den beiden.

    Nachdenkliche Grüße
    Enya

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  6. Ja, Enya ... so richtig clever kaufen ist ja fast nicht möglich. Je mehr man/frau erfährt, desto unmöglicher wird es ja, ohne Beteiligung an Verbrechen und Not zu konsumieren ... und außerdem gibt es ja jeweils auch die andere Seite der Medaille ... Konsum verursacht Arbeit für Menschen, die snst vielleicht keine hätten ... usw. Riesenthema ...

    Dir wieder herzlichen Dank!!!! lieben Gruß Brigitta

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))