Freitag, 9. August 2013

Lieschen und die nackten Tatsachen

Auf den Link zum LadyGagaVideoAuszug hat der Hermann auch geklickt. Genau wie die Grete. Wie könnte sie sonst von den kleinen Brüsten wissen? „Guck mal“ hat er zum Lieschen gesagt „guck mal. Wenn DAS meine Tochter wäre! Die würd´ ich verhauen!“ Liese wundert sich, geht um den Tisch und guckt in Hermanns Computerbildschirm. Sie sieht eine schlanke nackte Frau mitten im Wald und auch auf Fliesen. Aha, denkt sie. Verhauen. Hermann hat gar keine Tochter und wenn er eine hätte wäre sie vermutlich ähnlich alt wie sein Sohn. Und der ist älter und würde so was nicht tun. Nicht mal für die Kunst. Glaubt zumindest die Liese, auch wenn sie ihn kaum kennt. Er lebt ja am anderen Ende der Welt und sie ist ja nicht die Mutter.
Die Dame names Gaga macht das nämlich für die Kunst, erklärt ihr nicht der Hermann, aber der Artikel unter dem Video. Jedenfalls sagt sie das. Doch der Schreiber des Artikels bezweifelt diese Motivation. Er vermutet, sie will einer Freundin Publicity verschaffen. Vielleicht hat er nicht dieses antiquierte Wort verwendet, aber um Aufmerksamkeit für irgendein Projekt ging es und sie selbst bringt demnächst eine Platte raus. Sagt man das noch so? Nein. Vermutlich nicht. Also eine CD von der Lady Gaga kommt auf den Markt und das soll die Welt erfahren. Das hat sie ja nun. Hat geklappt.

Ob der Hermann denn nicht wollte, dass seine Tochter, wenn er eine hätte und sie ein Produkt zu bewerben hätte, damit erfolgreich wäre, fragt das Lieschen ihren Angetrauten. „Aber ja doch. Erfolgreich sollte sie sein. Aber doch nicht mit SOLCHEN Mitteln!“ Das könne er nicht gutheißen und würde es schon gar nicht unterstützen. Er hätte doch gesagt, was er täte, wenn.

„Ist ja gut“ sagt die Liese und macht ihn nicht extra darauf aufmerksam, dass er sich das ja freiwillig angesehen hat und seine Aufregung irgendwie nix mit den gezeigten Tatsachen zu tun hat. Die Überschrift machte ja kein Geheimnis aus den nackten Tatsachen des Inhalts des Videos. Oder erwartete er tatsächlich Kunst zu sehen?
Aber so verrückt sind wir Menschen, denkt sie und verlässt den Raum, um ein Ründchen um den Block zu gehen.

Nach wenigen Schritten besetzt sie eine Bank im nahen Park, betrachtet sich die vorüber gehenden Menschen und denkt über Meldungen, Nachrichten, Werbung, Lüge und Wahrheit nach.
Sie selbst überfliegt ja, ähnlich wie die Grete heute, täglich die sogenannten Nachrichten in diversen Zeitungen. Online. Gestern hieß es, der Steuerbetrüger mit den hohen Ämtern im Fußball aus dem Bayernland habe noch mehr Dreck am Stecken als die Liese und der Rest der Öffentlichkeit bisher erfuhren. Aus gesicherter Quelle wüssten sie das. Heute verklagt der Herr „IchzahlemeineSteuerninDeutschland“ mit dem stets hochroten Kopf die Zeitung und erklärt, völlig ohne Faktennennung, das sei alles Quatsch.

Lieschen würde gerne Dinge lesen, die ihr wirklich Informationen vermitteln und vor allem, sie hätte gerne, dass das, was man ihr erzählt, ob schriftlich oder mündlich, der Wahrheit entspricht. Aber das ist wohl zu viel verlangt.
Denn so sind wir Menschen, denkt sie wiederholt. Dauernd wollen wir mit dem, was wir tun irgendetwas erreichen, oft träumen wir uns in Realitäten, die wir selbst glauben, die aber keine sind und vor allem wollen alle irgendwie gut da stehen, erfolgreich sein und irgendwas berichten. Koste es, was es wolle. Manchmal eben auch die Kleidung.

Genug gedacht, denkt sie und geht die paar Schritte nach Hause. Schließlich hat sie noch genug zu tun. Morgen wird sie geschult in Sachen Körpersprache. Das Seminar, das sie besuchen wird, verspricht ihr die Aufdeckung üblicher Lügen. Sie erhofft sich kurze Blicke auf die Wahrheit und bedauert schon jetzt, dass ihr das bei Geschriebenem leider auch nichts nützen wird.


Grete ist ja morgen auch beschäftigt und Lieschen freut sich schon jetzt auf deren Bericht am Sonntagabend. Egal ob wahr oder nicht. Eigentlich mag sie ja das Spiel “Wahrheit oder Lüge“. Es fordert sie so schön heraus. Auch die nackten Tatsachen. So oder so.



Kommentare:

  1. „Der Zweck heiligt die Mittel“ – Das fiel mir gerade so ein, als ich Hermanns Statement las.
    Ob der Zweck einem nun gefällt, ist eine andere Sache.
    Dahinter stecken natürlich auch Moralvorstellungen, die man vielleicht gern zur Schau trägt.
    Für die Kunst ist dann jedes Mittel gut, für Publicity hat es dann wieder einen schalen Beigeschmack, zumindest muss man das wohl so verkünden.
    Lieschen sieht das ja auch kritisch und eigentlich möchte sie Derartiges nicht unbedingt wissen. Sie möchte Wahrheit, welche ja auch ein zweischneidiges Schwert ist.
    „Meine Wahrheit“ muss ja nicht unbedingt auch „deine Wahrheit“ sein. Und derjenige, der glaubt, sie unverfälscht zu verkünden, hat bestimmt sein winziges Quäntchen Wahrheit mit hineingepackt.
    Wir müssen halt sondieren, herauspicken, möglichst viel sammeln, um daraus unsere Wahrheit zu basteln.
    Blind vertrauen geht wohl kaum.

    Schön, dass Lieschen sich der Körpersprache widmen wird.
    Ob sie dann am Sonntagabend ihre Freundin Grete ganz anders betrachten wir?

    Ich wünsche ihr auf jeden Fall ein interessantes und auch schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    Enya

    AntwortenLöschen
  2. Dankeschön Enya, du Treue Leserin und so genaue Kommentatorin!
    Da hat uns Lieschen wieder ne Menge Nachdenkstoff geliefert, was?

    lieben Gruß Brigitta

    AntwortenLöschen

Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))