Sonntag, 18. August 2013

Lieschen denkt sich in Teufels Küche und auch wieder raus

Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 32 ---> guckst du hier

Mannomann! Was durfte das Lieschen gerade lesen? Das Fräulein Grete ist geplatzt, Herr Heinevetter ist schwul und die Hausgemeinschaft wird ab sofort durch einen Arzt bereichert, von dem die Liese noch nicht weiß, welche sexuelle Ausrichtung der hat.

Aber mal zurück zum Anfang. Warum in Herrgottsnamen hatte die Grete dem Lieschen DAS noch nicht berichtet. Der wunderbare Wutausbruch gegenüber der guten Frau Karbach, die der Grete das Leben so lange dermaßen schwer gemacht hatte, wäre doch wirklich eine sofortige Meldung wert gewesen. Aber sie hat kein Wort darüber verloren. Nicht beim Kaffee, nicht am Telefon. Lieschen wundert sich. Sie hätte doch sofort ein Fest ausgerufen und der Grete zu dieser Maßnahme gratuliert. Oder nicht? Warum bloß erfährt sie es erst jetzt, so nebenbei? In Nebensätzen? Lieschen geht in sich und fahndet nach einem vermutlichen Grund für dieses lange Verschweigen.

Hätte sie vielleicht doch nicht jubiliert, sondern sinngemäß gesagt „schon wieder hast du zu lange gewartet. Du lässt dir viel zu lange viel zu viel gefallen, liebe Grete?“ Könnte es sein, dass die Grete vor solch besserwisserischen Worten aus Lieschen Mund, vielleicht sogar zu Recht, Angst hatte und sie sie ihr und sich ersparen wollte? Lieschen wird immer nachdenklicher und bemerkt erst in letzter Sekunde, dass sie beinahe wieder am Fingernagel gekaut hätte. Das macht sie nämlich gerne mal, wenn sie so ganz und gar in ihren Gedanken gräbt. Während sie den Finger also gerade noch rechtzeitig wieder vom Mund weg führt, glaubt sie an diese Möglichkeit, findet die Grete klug und sich selbst nicht mehr ganz so.

Es könnte auch sein, denkt sie weiter, dass sie ihr den Anlass vorgehalten hätte. Vielleicht hätte sie gelacht und gesagt „das ist ja interessant! So lange hast du den ganzen Klatsch und Tratsch ertragen und erst als sie DEINEM Herrn Heinevetter vorwarf, schwul zu sein, bist du in die Luft gegangen? Das ist ja lustig!“ Kann sein, dass das Lieschen so weit gegangen wäre. Ihr wäre dann nämlich vielleicht aufgefallen, dass sie noch niemals irgendetwas über die sexuelle Orientierung des Herrn Heinevetter aus GretesMund gehört hätte und spätestens dann hätte sie sich gewundert, warum wohl nicht.
Vielleicht hätte sie vermutet, dass die Grete ein Problem mit Homosexuellen hat, mit Homosexualität im Allgemeinen oder nur im Speziellen? Warum nur weiß das Lieschen so garnichts  darüber? Jetzt kennen sie sich so lange und noch niemals haben sie über Schwule, Lesben, Trans- und sonstwas Sexuelle gesprochen.
Während Lieschen immer sicherer wird, dass die Grete ihr das aus berechtigtem Selbstschutz nicht erzählt hat, wird sie immer kleinlauter. Da beschäftigen sie sich mit so viel Klatsch und Tratsch und wissen offensichtlich einiges nicht übereinander.

Lieschen selbst hat eine Menge Freunde, die gleichgeschlechtlich leben und lieben. Ihr war das niemals seltsam. Sie ist praktisch mit dem Wissen aufgewachsen, dass es jede Menge verschiedener Orientierungen gibt und das auch gut so ist. Sie ist froh, dass die gruseligen Gesetze, die Homosexualität unter Strafe stellten,  zumindest in Deutschland und vielen anderen Ländern abgeschafft wurden. Sie erschrickt mit schöner Regelmäßigkeit über anderslautende Berichte aus anderen Ländern. Gerade heute hat sie die Meldung über die Regenbogenfingernägel dieser Sportlerin gelesen, die auf ihre Art ein selbstverständliches Zeichen gesetzt hat und keinerlei offizielle Unterstützung erhielt. Und erschrickt jetzt über die Befürchtung, dass es für Grete sehr wohl einen Unterschied machen könnte, wer wen in welchem Körper liebt.

Lieschen beschließt, ihre diesbezüglichen Gedanken zu stoppen und Grete bei nächster Gelegenheit einfach zu fragen.
Sie selbst spricht aus dem Gefühl der Selbstverständlichkeit selten über die sexuellen Orientierungen ihrer Freunde, weil es ihr nicht wichtig ist. Nett sollen sie sein. Gut zum Lieschen passen sollen sie. Und so leben, dass sie glücklich sind. Das sollen sie auch.

Vielleicht, so denkt das Lieschen jetzt, handhabt die Grete das genauso und sie hat ihr mit all den gedanklichen Vermutungen übelstes Unrecht angetan. Lieschen seufzt über sich selbst, steht auf und geht zum Telefon. Sie wird die Grete jetzt fragen.

Auch um zu erfahren, für wen der neue junge Mann im Haus wohl interessanter werden wird. Für sie, für Herrn Heinevetter oder für beide?





Kommentare:

  1. Da gerät in der kleinen Welt so allernahd durcheinander, oder ist die Welt gar nicht so klein? Manchmal reichen klare Worte, aber oft will man das gar nicht. Vermutungen reichen aus und Tratsch und Klatsch bündeln sich.
    Schön geschrieben Geli

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  2. So isses, liebe Geli ...

    Danke + lieben Gruß
    Brigitta

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  3. O ja, auch ich habe spontan gedacht, Grete habe zu lange gewartet, sich zu viel bieten lassen.
    Aber machen wir das nicht alle zuweilen und ärgern uns dann?
    Lieschen ergeht sich nun in Vermutungen, Spekulationen und fürchtet gar, dass Grete und sie doch wohl nicht alles voneinander wissen (wobei ich sagen muss, dass dies einer Freundschaft keinen Abbruch tut).
    Dass Homosexualität zwischen den beiden kein Thema war bislang, sehe ich eher positiv. Es ist eben für beide nicht wichtig, welcher sexuellen Orientierung jemand angehört.
    Diejenigen, die am meisten darüber wettern, es schlecht machen, dagegen sind, die fürchten sich am meisten davor....was, wenn es einen selbst ereilt. Indem ich also eine negative Haltung aufbaue, schütze ich mich quasi.
    Lieschen wird sicher mit Grete sprechen, jetzt, da der Anlass geboten ist.

    Ich finde Lieschens Gedankengänge verständlich. Prima, wie kritisch sie auch mit sich selber umgeht. Das wird dann ein ehrliches Gespräch – ohne bloßes Getratsche.

    Liebe Grüße
    Enya

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  4. Bewundernswert und eine große Freude. Deine ausführlichen Überlegungen zum Inhalt der Texte ...

    In Gretes folgendem (also gestrigem Text) kannst du nachlesen, dass du mit deiner Einschätzung zum Gespräch komplett richtig liegst.

    HERZLICHEN DANK!
    lieben Gruß Brigitta

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))