Montag, 23. September 2013

Lieschen, die Liebe, die Stärke und die Schwäche

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 55 ---> guckst du hier

Nachdem das Lieschen in aller Ruhe in einem Miniräumchen der nahegelegenen Schule ihre zwei Kreuzchen gemacht und später den Startschock über die ersten Hochrechnungen bereits ein wenig verdaut hatte, rief endlich die Grete an und berichtete von ihrem Samstag.

Lange hat das Lieschen ruhig zugehört. „Mhm – Och – Ach du meine Güte“ war das einzige, was sie in unregelmäßigen Abständen einwarf. Gelacht hat sie nicht. Auch die Grete nicht. Sie hat wahrscheinlich nicht mal gelächelt. Lieschen hört Gretes Lächeln nämlich an der Klangfarbe ihrer Stimme. Also sie würde es hören, wenn es vorkäme. Und es kam nicht vor. Auch nicht als die Grete zum wiederholten Male sagte: „Natürlich musste ich das tun. Ich liebe sie doch über alles“. Dem Lieschen sind solche Sätze unheimlich. Was das wohl heißt, hat sie sich schon oft gefragt. Nicht nur im Zusammenhang mit Grete, die ja bekanntermaßen zu Überanstrengungen wegen des Hintenanstellens der eigenen Bedürfnisse zugunsten der, oft nicht einmal ausgesprochenen, Bedürfnisse von anderen neigt.

Während Lieschen zuhörte, fragte sie sich zum wiederholten Male, was das wohl sein mag. Diese ominöse Liebe, die Menschen dazu bringt, das eigene Lachen und Lächeln zu verlieren. Die Liese bezweifelt, dass es möglich ist, irgendwen oder irgendwas über alles zu lieben. Auch über sich selbst?

Oft ist es wohl genau so, sinniert  das Lieschen weiter, während die Grete in die Beschreibung ihres WaschbügelFahrundBesuchsvormittags kurz ihre eigenen Rückenschmerzen einwirft, die sich natürlich wieder eingestellt haben. Und ihr fiel das alte Ehepaar ein, das sie eben vor dem Wahllokal gesehen hat. Die Frau hangelte sich am Geländer die vielen Stufen herunter, während der Mann langsam neben ihr herging und sie „anfeuerte“. Er hielt sie nicht. Er trug sie nicht. Er war einfach da. Neben ihr. Und sie nutzte die Kraft und Fähigkeit, die sie offensichtlich hatte. Unten angekommen, gab er ihr ihre Krücken, sie richtete sich ein wenig auf und beide strahlten. „Siehste“ sagte er „hast du das auch wieder geschafft.“ 
Lieschen ist jetzt noch froh, dass sie ihrem ersten Impuls widerstanden hat, hinzulaufen und die Frau auf ihrem Weg zu stützen. Und doch vermutet sie, dass sie, hätte man sie bei „ihrer unterlassenen Hilfeleistung“ beobachtet, genau dafür verurteilt worden wäre. Wie so oft schon.

In diesem Telefonat hat das Lieschen nicht mit der Grete geschimpft. Sie hat sie aber auch nicht gelobt. Im Grunde ist sie bei ihren Mhms, Ochs und dem AuchdumeineGüteausruf geblieben. Nur ganz zum Schluss des Telefonats hat sie ihr geraten, sich selbst nicht zu vergessen. „Wenn du dich im Leid der anderen verlierst, nützt das niemandem“ hat sie leise gesagt. Grete hat das nicht sofort verstanden. Vielleicht war es auch einfach zu leise. Vielleicht war er zu undeutlich. Dieser Ruf nach der Liebe und dem Ausdruck auch sich selbst gegenüber. Den meinte das Lieschen und widerstand weiteren Erklärungen und auch der Aussprache des Vorschlags, dass sie sich ja, während Grete auf der Arbeit ist, um deren Bügelwäsche kümmern könnte.

Liebe, so meint das Lieschen, liebt alles oder nichts. Lieschen weiß nicht, ob sie liebt. Manchmal glaubt sie: ja. Manchmal glaubt sie, dass sie dazu nicht fähig ist. Jedenfalls meint sie, gelernt zu haben, dass über alles unmöglich ist. Und falls doch gelebt, zu größerem Leid führt.

Die Grete hat versprochen, wenigstens früh ins Bett zu gehen und so für genügend Schlaf zu sorgen. Von sich aus. Ohne dass Lieschen das „gefordert“ hätte. Hoffentlich hat sie es gemacht.


Sie selbst verfolgt noch ein bisschen die Ergebnisse der Wahl und die Äußerungen der Beteiligten und Verantwortlichen. Sie ist gespannt auf die kommenden Koalitionsverhandlungen. Sie ist gespannt, wer welche Positionen behalten undoder aufgeben wird. Wer wird stark sein, bleiben oder werden? Inmitten der Verhandlungen, die zu einer gemeinsamen Stärke führen sollen. Wer braucht da eigentlich wen? Der Starke den Schwachen oder der Schwache den Starken?





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Kommentare:

  1. Liebe Brigitta,
    deine letzte Frage ist eine gute Frage! Sie beinhaltet alle Wenn und Aber.
    Aber sie wird uns auch zeigen, wer unbedingt zur Macht möchte - wenn es denn in - welcher Konstellation auch immer - eine Macht ist.
    Und zu Frl. Grete: Sie sollte wirklich etwas mehr an sich denken. Gut, dass du da bist und manchmal (wenn auch ganz leise) zurechtweist.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht
    Irmi

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  2. Tja, mit dem Helfen ist das so ne Sache - wer hilft wem und warum und für wen ist was gut??? Manchmal ist Nichthelfen sogar die bessere Hilfe...
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. Ehrlich, ich zweifle auch, dass es möglich ist, jemanden „über alles zu lieben“.
    Das hieße für mich, Liebe einem Vergleich zu unterziehen und ich finde, das ist irgendwie merkwürdig. Ich liebe oder auch nicht.
    Kann man denn sagen, hier liebe ich ein bisschen, da ein wenig mehr und dann dort eben über alles?
    Jemanden oder etwas über alles lieben ist wie eine Forderung nach Besitz, aber gleichzeitig eine Art Selbstaufopferung, denn diese Liebe stünde ja über allem, was mich und mein Leben tangiert. Wie mag sich derjenige fühlen, dem ich so eine Liebe „aufbürde“? Sorry für den Ausdruck, aber so käme es bei mir an. Ich würde mich dann immer in der Verantwortung fühlen.
    Ja, Liebe sollte nicht fordern, sie ist da. So gesehen kann ich Gretes Hilfsbereitschaft schon verstehen, auch, dass sie für den Moment ihre Bedürfnisse hinten an stellt.
    Aber das Motiv kann nicht eine bedingungslose, über allem stehende Liebe sein, sondern vielmehr das menschliche Gefühl helfen zu wollen.
    Ich denke aber, dass man rasch so einen Satz sagt, um vor sich selbst vielleicht ein Handeln zu begründen – im Nachhinein – das eben spontan erfolgt ist.
    Grete wird sicher nachdenken, wie sie es weiter handhabt. Erste Schritte hat sie ja schon unternommen, indem sie Nachbarschaftshilfe organisiert hat.

    Ein zweiter interessanter Punkt, den Lieschen hier anspricht, ist die Frage, ob die Schwachen die Starken brauchen und/oder umgekehrt.
    Das Beispiel mit dem Mann, der seiner Frau zur Seite stand, ist wieder exzellent gewählt.
    Wie würde sie sich letztlich fühlen, wenn er ihr immer alles abnähme? Sicher schwach, nahezu wertlos und nicht motiviert, selbst etwas aus sich heraus zu schaffen.
    Oft erlebt man das bei Eltern, die sich ihren Kindern überstülpen, ihnen alles abnehmen.
    Oder auch bei Behinderten, wo Hilfe zuweilen sehr unüberlegt erfolgt.
    Auch hier gilt: Wahrnehmen, hinschauen, aber nicht sofort alles abnehmen.
    Im Grunde scheint es mit oft so, dass die scheinbar Starken die Schwachen brauchen, um sich ständig ihrer eigenen Stärke zu versichern. Das hat auch etwas mit Selbstwertgefühl zu tun.

    Ich finde es richtig, dass Lieschen weder mit Grete geschimpft noch ihr irgendwelche Direktiven gegeben hat.
    Einfach mal zuhören und ab und an mit leisen Tönen intervenieren....Grete wird es selber merken, wo ihre Grenzen sind. Hoffe ich doch.

    Haben mal wieder sehr zum Nachdenken angeregt, diese Gedanken über Helfen, Liebe, Selbstaufgabe...
    Lieben Gruß
    Enya

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  4. Die Wahl ist gelaufen, die Bürger haben entschieden und scheinbar gefällt ihnen die Regierung....
    Was für eine zauberhafte Geschichte von den beiden Leuten. Es hat immer alles zwei Seiten und manchmal muss man ein wenig darüber nachdenken und nicht vorschnell sein. Richtig philosophisch da nehme ich was von mit. LG Geli

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