Montag, 30. September 2013

Lieschen tanzt schon lange aus der Reihe

Lieschens Antwort auf Fräulein Grete Meiers Post Nr. 61 ---> guckst du hier 


Dass die Frau von Gretes Chef ihren sternhagelvollen Gatten so aufs Glatteis geführt hat, gefällt dem Lieschen. Dass es sich aber offensichtlich um einen Teil eines Rituals handelt, mutet die Liese seltsam an. 
Er lässt sich, in ihren Augen, was zu Schulden kommen, muss dafür „etwas springen lassen“, sie bestimmt den Preis, er zahlt ihn mithilfe seiner Sekretärin Grete Meier und die Gattin bekommt etwas, das sie ohne sein Verschulden nicht bekommen hätte, aber von ihm wollte? Klingt kompliziert, findet die Liese.

Lieschen selbst könnte das Malheur von Gretes Chef am gestrigen Abend ja nicht mehr passieren. Nicht, dass ihr etwas Vergleichbares noch nie passiert wäre. Nein. Das ist ihr schon passiert. Oft sogar. Viele Nächte ihres Lebens hat sie dem Alkohol geschenkt. Aber das ist schon lange her.

Seit mehr als 25 Jahren trinkt das Lieschen keinen Tropfen mehr. Also Wasser und Saft schon. Aber halt keinen Alkohol. Sie selbst findet das super und der Hermann auch. Der hat ihr das nämlich  nachgemacht. „Ach weißt du was?“ hat er gesagt als ihm klar wurde, dass die Liese tatsächlich niemals Alkohol trinkt, „dann lasse ich das ab heute auch.“ Natürlich war das eine Freude für das Lieschen. Sie mag nämlich nicht mit Betrunkenen zusammen sein. Auch nicht mit Angetrunkenen. Und weil der Hermann das selbst so rasch entschieden hat, musste sie ihn nicht einmal darum bitten, nichts oder wenig zu trinken. Das war natürlich ein Geschenk des Himmels. Für sie beide.

Nicht jedoch für ihre Freunde und all die Leute, die sie im Laufe der Zeit kennen gelernt haben. Bei Hermann und Lieschen gibt es nämlich auch bei Einladungen keinen Alkohol zu trinken. Das gefällt nicht jedem. Und wenn die beiden von Menschen eingeladen werden, die sie noch nicht gut kennen, bieten die natürlich immer Alkohol an. Und wenn die Liese dann sagt „Danke. Nein. Mir ein Wasser“ nimmt das Drama gewöhnlich seinen Lauf. 

Mit Fragen wie „du musst doch nicht mehr fahren, oder?“, „ach komm, ein Sektchen wirst du dir doch nicht entgehen lassen, oder doch?“ und Vergleichbarem beginnt es. Wenn Lieschen dann sagt „Ach nein, ich trinke nie Alkohol“ oder „ich hab die Gesamtmenge Alkohol, die für ein Leben vorgesehen ist, bereits intus“ kommt so richtig Fahrt in die Sache. „Gaaar keinen Alkohol??? Nicht mal ein Bier?“  beantwortet mit z.B. „Nö, nicht mal ein Bier“ ist in den meisten Fällen der Startschuss zu Erklärungen, dass so ein Bierchen ja quasi nix ist, der Sekt ein ganz Besonderer ist, sie selbst ja auch nicht viel trinken, so ein Fest oder solch ein Essen doch nach angenehmen Getränken verlangt und so weiter.

In all den Jahren hat sich da nichts geändert. Hermann und Lieschen sind Exoten und für eine normale Feiergemeinde eine Herausforderung. Nicht weil sie sagen, dass die anderen ebenfalls nichts trinken sollen. Das sagen sie nie. Meinen sie auch nicht. Wohl auch nicht, weil sie meistens relativ früh wieder gehen. Das ist ja eher gut. Für alle. Sondern vielleicht, weil sich manche der anderen Anwesenden beobachtet fühlen, von Menschen, die alles mitbekommen und sich auch am nächsten Tag noch an alles erinnern können, was vorgefallen ist? Das ist natürlich für manche auch nicht schön. Gretes Chef wäre es bestimmt nicht Recht, oder? Dabei wären die beiden auch in einem solchen Fall an Rechtfertigungen nicht interessiert. 

Manchmal juckt es das Lieschen in den Fingern bei solchen Gelegenheiten Zigaretten zu verteilen. „Ach komm, ein Zigarettchen macht doch nix. Ist doch soooo gemütlich. Schließ dich doch nicht so aus.“ Aber das macht sie nicht. Erstens weil sie das Rauchen selbst gruselig findet und nicht täte, wenn sie nicht süchtig danach wäre und zweitens weil sie gelernt hat, dass das ja zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind. Trinken ist normal. Rauchen nicht mehr.


Aber im Grunde meint das Lieschen: jeder wie er mag. Nur zu Erklärungen hat sie keine Lust. Auch wenn sie diejenige ist, die aus der Reihe tanzt.






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Kommentare:

  1. Jaja, so ist das mit der Trinkerei. Am besten kommt man klar, wenn man ganz unauffällig keinen Alkohol trinkt - dann gibt´s wenigstens nicht diese "lustigen" Mitmach-Sprüche. Schon fragwürdig, wie mit dem Thema allgemein umgegangen wird...
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. Ach Lieschen, das kenne ich auch. Komisch, dass die lieben Mitmenschen immer meinen, sie täten uns was Gutes. Genau so schlimm ist es, wann man zum Kuchen-Essen animiert wird, obwohl bekannt ist, dass ich Diabetikerin bin.Ich frage mich dann immer: Ist das Dummheit oder wollen sie mir was Böses. So ganz bin ich noch nicht dahinter gekommen.
    Die Sache mit der Frau von Gretes Chef finde ich amüsant - obwohl es auch nicht mein Ding wäre, meinen Mann zu erpressen.
    Eine gut Nacht wünscht
    Irmi

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  3. Eigentlich ist es völlig absurd, dass man sich fürs Nichttrinken von Alkohol rechtfertigen soll.
    Jeder würde verurteilt werden, wenn er Drogen nähme. Bei der (legalen) Droge Alkohol scheint es beinahe umgekehrt.
    Manchmal glaube ich, dass die blöden Fragen und Sprüche mit dem eigenen schlechten Gewissen der Menschen zu tun haben. man rechtfertigt sich umgekehrt dadurch dafür, dass man trinkt. Nur eben versteckt. Ich habe es sogar schon erlebt (als ich Alkohol ablehnte), dass man mir eine furcht vor Kontrollverlust vorwarf. Das empfinde ich als krank, genauso wie die Forderung sich rechtfertigen zu müssen.
    Lieschen hat für sich eine Entscheidung getroffen und ist wie immer konsequent. Das gefällt mir so.
    Und ja, es wird mit zweierlei Maß gemessen. Rauchen ist heute eher verpönt, also werden Nichtraucher akzeptiert.
    All dies unterliegt vermutlich Strömungen der Gesellschaft und die braucht dann entsprechende Rechtfertigungen.
    Jeder weiß, dass ein Zuviel an Alkohol schädlich ist, genauso wie das Rauchen. Als Erwachsener sollte man in der Lage sein, die Verantwortung für sich zu übernehmen. Und auch für andere.
    Ich akzeptiere jeden, der in Maßen trinkt, wenn er andere dadurch nicht schädigt (durch sein Verhalten) oder gar gefährdet (z.B. Alkohol am Steuer). Ich fordere aber umgekehrt die gleiche Akzeptanz, wenn ich nicht trinken möchte.
    Wenn ich rauche, dann auch so, dass ich andere nicht belästige dadurch.
    Aber heutzutage scheint man immer ein Eckchen zu finden, in die man Menschen stellen und schief anschauen kann. Das geht schon oft beim Essen los (Wie, du isst kein Fleisch?...).
    Problematisch finde ich jegliche Art von Gruppenzwang, dem viele Jugendliche ausgesetzt sind. Statussymbole wie Alkohol, Rauchen oder Nichtrauchen, Klamotten usw. drängen gerade unfertige junge Menschen oft in etwas hinein, von dem sie die Konsequenzen nicht absehen können.

    Lieschen soll ruhig aus der Reihe tanzen. Man kann immer nur hoffen, dass es den anderen langweilig wird, sich darüber Gedanken zu machen.
    Inzwischen gebe ich den Ball manchmal zurück, wenn jemand fragt: „Warum trinkst du nichts?“ mit: „Warum trinkst du?“ Damit ist oft die Diskussion beendet.

    Wieder ein sehr nachdenkenswerter Beitrag. Danke!
    Liebe Grüße
    Enya

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  4. Als Vegetarier kenne ich es ähnlich, auch kein Huhn, nicht mal ab und zu... Bin da auch ein Exot. Die Menschen sind merkwürdig, aber ich mache keine Ausnahme.
    Manchmal macht aus der Reihe tanzen Spaß. LG Geli

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Herzlichen Dank für Euer Interesse und die den Blog so sehr bereichernden Kommentare!
Beides ist sowohl der Liese als auch mir eine große Freude! :-)))