Lieschen wundert sich ja nicht die Bohne über saufende
Jugendliche. Ist es nicht das, was ihnen von Erwachsenen vorgemacht wird? Kein
Fest ohne Alkohol. Alkoholausschank an allen Ecken der Republik. Inhaltsleere
nicht nur im Erwachsenenzusammensein? Gelächter statt Ächtung über tagsüber
lallende Politiker? Alkoholwerbung, in der das Wort Alkohol nicht einmal
vorkommt und in der nur die Fröhlichkeit bebildert wird? Ein Straßenbild, in dem
Menschen mit Flaschen in der Hand ganz gewöhnlich sind? Kinder, die es von
klein auf gewöhnt sind, an Feiern teilzunehmen, die nicht so sehr durch
inhaltliche Fröhlichkeit glänzen, aber selbstverständlich lallende Erwachsene
inklusive ihrer Eltern zur Folge haben? Viel zu viele Menschen um sich herum,
die Angst vor ihren schlechten Gefühlen haben und die sogenannten guten Gefühle
auf ewig konservieren wollen?
Warum das so ist, fragt sich die Liese oft. Ist es nicht so,
dass die Welt, in der wir leben, quasi danach schreit, einen Ausgang zu suchen
und hoffentlich auch zu finden. Manche Ausgänge sind halt pervers. Gewöhnlich
pervers. Und doch verständlich. Wer ehrlich ist und sich die Welt ansieht wie
sie sich zeigt, ohne sofort in Wut, Depression, Sehnsucht zu verfallen, sich in
die Romanwelten ebenfalls suchender Autoren beamt, die Identität von Fernseh-
oder Filmhelden annimmt oder eben einfach regelmäßig zu Entspannung oder
allgemeiner Lockerung trinkt oder säuft, kann doch nur verzweifeln? Oder nicht?
Lieschen weiß, dass diese ihre Kombination der Worte auf Gegenwehr stoßen wird.
Und doch traut sie sich, sie in dieser nichtabgemilderten Form aufzuschreiben. Quasi ohne Vernebelungsmittel (wenn man von einer Zigarette einmal absieht). Einfach so. Und sie wird die Gegenwehr ebenso
entgegennehmen. Quasi unvernebelt. Nicht weil sie unvernebelt kommen wird, sondern
weil sie selbst in mehr als zwanzig Jahren übt, mit einem quasi unvernebeltem klarem Blick
zu schauen und zu nehmen, was ihr offeriert wird. Oder eben klar und deutlich
abzulehnen, was sie nicht möchte. Gegenwehr mag sie. Solange sie nicht
verletzt, stärkt sie. Alle Beteiligten.
Wie wäre es, wenn wir Kindern das Ja- und Neinsagen lehren
würden. Durch Vorbild und durch die Tatsache, dass wir ihre Neins akzeptieren und so den Weg zu ihren Jas befreien würden? Wie wäre es, wenn wir Kindern den Weg in ihr eigenes Wesen weisen würden?
Wie wäre es, wenn wir selbst das Innen als größeren Maßstab nähmen als das
Außen, die Anderen, das Übliche? Wie wäre es, wenn wir sie lehrten, dass sie
selbst es sind, die ihr Leben mit Inhalt füllen und zwar gemäß ihrer Eigenarten
und Vorlieben? Wie wäre es, wenn wir sie lehrten, auch sogenannte negative Gefühle
auszuhalten? Einfach auszuhalten. In dem Bewusstsein, dass sie sich von selbst
verabschieden werden, wenn wir ihnen einmal Raum gaben und sie nicht „wegtrinken“,
uns sehnsuchtsvoll aus der eigenen Welt beamen oder sie ausagieren?
Ist es nicht so, dass uns die Kinder und Jugendlichen mit
ihren Reaktionen auf das, was sie in der Welt antreffen einen Spiegel
vorhalten? Hat es schon jemals etwas genützt, den Spiegel zu zerdeppern oder
auf ihn einzureden, wenn uns das Bild nicht gefiel, das wir sahen? Wurde das
Bild von uns schöner, weil wir dem Spiegel erklärten, dass er so etwas nicht
zeigen soll?
Würde es also nützen, wenn auf allen Flaschen mit
Alkoholinhalt in Anlehnung an die kommenden „Zigarettenbildchen“ Bilder von
kotzenden, schwankenden, prügelnden, sehnsüchtigen, darniederliegenden Menschen
ohne Leber (man beachte das Wort, das solche Ähnlichkeit mit dem Wort LebeN hat
oder auf einen LebeR, also einen lebendig Lebenden hinweisen könnte), also von
AlkoholLEICHEN klebten? Natürlich nicht! Meint die Liese, die sich bei diesem
Thema in Rage reden und schreiben kann und es heute auch einmal getan hat.
Wie sähe wohl ein Straßenfest aus, bei dem auf Konsum
gänzlich verzichtet würde. Wie wäre es, wenn man dort nichts aber auch gar nichts
kaufen könnte? Keine Dinge, keine Speisen, keine Getränke (außer Wasser) und
keine äußeren Vergnügungen. Was täten die Menschen miteinander? Was sprächen
sie miteinander? Wie verhielten sich Eltern mit ihren Kindern und
umgekehrt? Wie sähe solch ein Fest aus?
Lieschen fände ein solches Experiment einmal interessant. Ob
ein solches Straßenfest Besucher rekrutierte? Oder blieben die Anwohner ob der zu
erwartenden Langeweile lieber mit einem Bierchen auf dem Sofa vor ihren
Fernsehern?
Grete und Lieschen als kostenloses E-Book - die ersten 50 Kapitel:
O Lieschen! Hier kann ich jedes Wort unterstützen, das geht mir runter wie Öl.
AntwortenLöschenEin klares und wunderbares Statement, bei dem ich jede Gegenwehr nicht verstehen könnte.
Es kann nicht nur um immer neue, schärfere Gesetze gehen, die dann doch nicht eingehalten werden.
Wir alle sind gefragt, unser Verhalten zu überdenken.
Lieschen, du hast die Gründe für das Verhalten der Jugendlichen sehr gut aufgezeigt und deine Fragen treffen es auf den Punkt. Es geht nicht nur darum, die gefahren des Alkohols aufzuzeigen, sondern die jugendlichen brauchen Perspektiven, müssen die Gelegenheit haben, in sich selbst hineinzutauchen und ihre Beziehung zur Welt hinterfragen lernen. All das ist ein langer, kontinuierlicher Prozess, der in unserer Gesellschaft kaum stattfindet.Es mangelt an wirklichen Vorbildern, an Grenzen, aber auch an Entfaltungsmöglichkeiten, die eine befriedigung aus sich selbst heraus garantieren.
Und ja: Kinder haben kaum noch Frustrationstoleranz, können nichts aushalten. Wen wundert es, wenn sie von Klein auf lernen, dass alle Bedürfnisse sofort befriedigt werden - auf eine Art, die sich an äußeren Dingen und dem Materiellen orientieren.
Das Gedankenspiel um das Experiment - es wäre wirklich interessant.
Haben wir vielleicht alle verlernt, uns gemeinsam zu freuen, ohne Konsum und fragwürdigen Angeboten und Sensationen?
Ich hoffe, dass deine Ausführungen viele lesen und sich auch solche Gedanken machen. Danke!
Lieben Gruß in den Tag
Enya
Liebe Brigitta,
AntwortenLöschenletzteres würde geschehen. Niemand wäre da - oder fast NIEMAND.
Ich unterstreiche jedes deiner Worte. Saufen macht vielleicht für den Moment die Welt etwas schöner, aber dann kommt der Katzenjammer.
Und ich sage jetzt etwas sehr Frivoles: So ging einstmals das Römische Reich unter. Es wurde nur noch gefeiert und gesoffen. Ich muss so oft daran denken. Vielleicht etwas weit hergeholt - aber nicht von der Hand zu weisen.
Einen guten Start in die neue Woche wünscht dir
Irmi
Eine flammende Rede liebes Lieschen, die ich dick unterstreiche.
AntwortenLöschenAlkohol ist eine legale Droge und inzwischen altagstauglich geworden. Egal wo man ist, sie wird angeboten. Inzwischen ist es in den meisten Zügen verboten, früher wurde schon morgens dort Bier getrunken. Eltern geben ihren Kindern ein schlechtes Beispiel, denn es gehört zum Fernsehabend dazu wie die Chips usw.
Es gibt viele Menschen, die wissen gar nicht, dass sie abhängig sind.
Bei den Kids ist es noch schlimmer, ich habe es oft erlebt in den Schulen. Das wird aber nicht besser werden, obwohl ich oft denke, es wird weniger geraucht inzwischen, vielleicht kommt das mit dem Alkohol auch noch.
LG Geli
Liebes Lieschen,
AntwortenLöschenich finde deinen Eintrag bezaubernd. Habe gestern schon den Bericht der Grete gelesen und war ganz gepannt auf deine Antwort.
Zugegeben, damit habe ich nicht gerechnet. Aber es gefällt mir darum vermutlich umso mehr!
Endlich sind nicht mal nicht nur die perspektivlosen Jugendlichen schuld, sondern die "Vorbilder", die sich ihre schuld so gut wie nie eingestehen.
...da muss ich auch damänst was zu schreiben^^
LG
Lieschen, du hast alles gesagt, dem ist nichts mehr hinzu zufügen !
AntwortenLöschenIch nicke bei jedem Satz deines Post zustimmend.
Aber es stimmt mich traurig und auch hilflos, man weiß, wo der Hase im Pfeffer verborgen liegt, aber wer und was unternimmt was dagegen ?
Ich habe es bei meinen beiden Töchtern vorgelebt, wie es sein soll und es hat geklappt. Trotzdem glaube ich nicht, dass man nur den Eltern Schuld geben kann, wenn bei den Jugendlichen was schief läuft, es ist einfach die Zeit !!!
Ich muss wie Brigitta schreibt, auch daran denken, wie der Verfall all der hohen Kulturen vorn sich ging, schon ähnlich unserer heutigen Zeit heute,oder ?
Noch eine schöne Woche
Jutta